Gransee: Angst, Asylanten, Sicherheit

Ein Beitrag von Manja Präkels in der Wochenzeitung Jungle World:

„In Brandenburg soll in Gransee eine Unterkunft für Asylsuchende entstehen. Dagegen wehrt sich ein ganzer Landkreis. Pogromstimmung gegen Ausländer und »Zecken« ist dort nicht neu.

»Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche.« Als Heiner Müller das 1990 sagte, lebte ich im Landkreis Gransee unter – von einem mosambikanischen Brötchenauslieferer abgesehen – 43 000 Deutschen. Zwei Jahre später geriet der Kreis kurz in die Schlagzeilen, nachdem der Polizeibericht einen Überfall in einer Diskothek mit töd­lichem Ausgang vermeldet hatte: Fußtritte auf einen am Boden Liegenden. Der Vorfall wurde ignoriert, dafür war eine Gebietsreform Thema, die den Kreis Oberhavel schuf. Ich arbeitete damals als Lokaljournalistin bei der Märkischen Allgemeinen und blieb bis 1998. Da war die Entleerung der Innenstädte und Dorfstraßen, der Verlust von Öffentlichkeit, den wir heute in allen Provinzen erleben, bereits weit vorangeschritten. Kulturhäuser waren zu Ruinen geworden, Kinos entkernt, kulturelle Infrastruktur zerschlagen. Alter Adel, Kirche und neue Großbauern hatten begonnen, die Kartoffelsteppen und Kiefernwälder, für die sich kein westdeutscher Konzern interessierte, wieder untereinander aufzuteilen. Landflucht setzte ein.

Mit 53 Einwohnern pro Quadratkilometer hat das Amt Gransee heute dieselbe Bevölkerungsdichte wie Kenia und wirbt um Besucher. Die Reisebusse planen für Kirche, Stadtmauer, Luisendenkmal – eine knappe Stunde ein. Mehr Außenkontakt gibt es nicht. Doch nun will die Kreisverwaltung Oranienburg im ehemaligen Jobcenter in der Waldsiedlung eine Gemeinschaftsunterkunft für 80 Menschen einrichten, auch Flüchtlinge aus Kenia werden erwartet. Das ist ein Novum für die Granseer, die Aufregung ist groß. Als durch eine »Indiskretion« die geplante Errichtung des Flüchtlingsheims früher als beabsichtigt bekannt wurde, entstand die Facebook-Seite »Kein Heim für Gransee«. Binnen vier Tagen fanden sich tausend Fans, die dort aus der Jungen Freiheit zitieren, NPD-Videos hochladen, gegen Journalisten hetzen. Dies brachte den zuständigen Landrat und seinen Sozialdezernenten in Zugzwang. Eilig wurde eine Bürgerversammlung anberaumt….“ weiterlesen

(aus : MANJA PRÄKELS: Deutsche Dörfer I: Gransee)

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