Zum St. Martinstag: Geschichte um den geteilten Mantel (aus „Die Heiden von Kummerow)

Von Ehm Welk

„Kantor Kannegießer sah, das Interesse hatte wieder nachgelassen. Er suchte nach einem Sonderstück, das den Jungen fesseln konnte, und es fiel ihm zu seinem Pech die Geschichte mit dem Mantel ein. »Der heilige Martin teilte alles mit den Armen. Einmal im Winter, als es furchtbar kalt war, ging er draußen vor die Stadt. Da traf er einen Bettler, der hatte nichts und war nackt und fror. Da nahm der Heilige sein Schwert und schnitt seinen Mantel in zwei Teile und schenkte dem Bettler die Hälfte.«
»So dämlich …«, brummte Martin der Jüngere.
»Was sagst du da?« Kantor Kannegießer glaubte sich verhört zu haben, das war ja unfaßlich. »So urteilst gerade du über eine der schönsten menschlichen Regungen, über das Mitleid mit den Armen?«
»Da hätt er ihm den Mantel schon ganz geben sollen. Oder gar nicht. Jetzt hatte doch keiner was davon.« Martin begriff nicht, daß ein Lehrer das nicht begriff.
Das war es? Kantor Kannegießer lächelte. »Du mußt nicht alles so wörtlich nehmen, Martin. Ganz genau in der Mitte wird er den Mantel nicht entzweigeschnitten haben.«
»Dann hat er also den Bettler angesch-«, Martin wurde rot, »ich wollte sagen, dann hat er ihn angeschmiert mit seiner Hälfte?«
»So meine ich das auch nicht. Er wird den Mantel nicht gerade von oben nach unten durchgeschnitten haben, so daß jeder nur einen Ärmel bekommen hätte und an einer Seite nackt gewesen wäre, meine ich.«
Das Bild war so komisch, sie mußten beide lachen.
»Also quer durch?«
»Vielleicht.«
»Und wer hat das obere Teil bekommen, das mit den Ärmeln?«
Kantor Kannegießer seufzte. Hätte er doch bloß die Sache mit dem Mantel nicht angefangen.
»Sicher hat der Ritter das obere Teil behalten«, entschied Martin. »Da hatte er immer noch eine schöne Joppe. Ein Unterhemd hatte er bestimmt auch noch an. Der Bettler mit dem Schnippelkram« – erdachte nach und lachte laut auf -, »den hätt ich sehen mögen mit der Badehose.«
Der Kantor hielt es für seine Pflicht, dem Wohltäter der Armen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. »Der Bettler kann ja auch das obere Teil, die Joppe, bekommen haben.«
»Glaub ich nicht!« Martin blieb fest.“

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