Lebensmittelunverträglichkeiten

Aus Zeit.de: Die Sorge, sich falsch zu ernähren, greift um sich: Viele Deutsche glauben, Gluten, Laktose oder Fruktose mache sie krank. Tatsächlich leiden nur wenige wirklich an einer Lebensmittelunverträglichkeit.

von Susanne Schäfer

Der Trend hat jetzt schon die Kindergärten erreicht. Neuerdings erzählt die dreijährige Linnea von Spielkameraden in ihrer Hamburger Kita, die Nüsse, Joghurt oder Nudeln nicht mehr essen dürfen. Täglich holen sie etwas ganz Besonderes aus ihren Brotdosen. Etwas, das nur für sie bestimmt ist. Manchen kleinen Mädchen und Jungs wärmen die Erzieher mittags sogar spezielle Mahlzeiten auf. Und so verkündet eines Tages auch Linnea nicht ohne Stolz: „Wenn ich Nüsse esse, kitzelt es so komisch auf meiner Zunge. Ich glaube, ich bin allergisch.“ Auch sie will etwas Besonderes sein.

Als die Kindergärtnerinnen beim Elternabend anmahnen, Sonderbehandlungen beim Essen seien künftig nur mehr gegen Vorlage eines ärztlichen Attests möglich und nicht jeder Diätwunsch sei erfüllbar, geht ein hörbares Murren durch die Reihen der Mütter und Väter. Einer regt sich flüsternd über den „schulmedizinischen Chauvinismus“ auf.

Die „sensiblen Esser“ haben sich in der Gesellschaft durchgesetzt, auch die Erwachsenen unter ihnen tragen ihre kulinarischen Empfindlichkeiten vor sich her, als Ausweis von Individualität. Lädt man heute Gäste zum Essen ein, empfiehlt es sich, vor dem Einkauf des Menüs umfassende Gespräche zu führen. Längst will nicht nur berücksichtigt sein, dass einer vegetarisch lebt und die andere vegan: „Käse kann ich nicht essen. Laktoseintoleranz, das ist ganz offensichtlich, da brauch ich gar nicht erst den Arzt zu fragen.“ – „Brot und Nudeln lass ich vorsichtshalber weg. Dieses Gluten verträgt ja kaum noch jemand.“ – „Geräucherter Schinken? Leider nein. Du weißt doch – das Histamin!“
  • Zöliakie: Hintergrund
  • Empfehlung
Nur sehr wenige Menschen, leiden an der Autoimmunerkrankung Zöliakie: in Deutschland zwischen 0,1 und 1 Prozent der Bevölkerung. Sie vertragen das Klebereiweiß Gluten nicht, das in Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste und anderen Getreidesorten enthalten ist. Patienten müssen deshalb viele Lebensmittel wie Brot, Müsli, Kuchen, Knödel, Malzkaffee und Bier meiden. Eine immunologische Reaktion auf das Gluten führt dazu, dass sich der Darm chronisch entzündet.

Noch vor zehn Jahren waren Verdauungsvorgänge ein Tabuthema bei Tisch, heute breitet sich beim gemeinsamen Essen die neue Innerlichkeit aus. Jedes Grummeln im Magen, jedes Ziehen im Bauch wird diskutiert und mit ernster Miene kategorisiert. Wer alles klaglos hinunterschluckt und verdaut, sitzt dazwischen wie ein Klotz: unsensibel, unreflektiert – kurz: von gestern. Munter wird bei den Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet. weiterlesen

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