Heute vor 25 Jahren: Der Höhepunkt der Revolution

Ich war auf einer Schwulenparty in Babelsberg in einem verkommenden Hinterhaus, hatte Schupfen bis zum Stehkragen und im 2. Programm des DDR-Fernsehens lief die Liveübertragung der größten Demonstration der DDR.

Der neue Ton der Medien war noch etwas ungewohnt. Hatten sie ihn doch erst so ab dem Sturz von Honecker langsam eingeführt. Soviel Ostfernsehen hatte ich vorher nie geschaut. Aber in diesen Tagen war das viel, viel spannender als die schon gewohnte Westglotze.

Wir kamen über so viel Offenheit und spektakulären Ereignissen gar nicht zum normalen Alltag. Alles war extrem aufregend und aufwühlend. Die Hoffnung auf Besserung von den Zuständen im Land wurde so langsam erfüllt und doch war es fremd. Wir wussten nicht, was noch alles kommt, das Aktuelle toppte unsere kühnsten Erwartungen.

Der neue Stil war angenehm, die Protagonisten glaubwürdig. Wir beschäftigten uns mit Demokratie und Selbstbestimmung, mit Bürgerengagement und Selbstermächtigung. Wir verfolgten den runden Tisch und glaubten an einen dritten Weg. Die anarchistischen Züge nach dem Machtvakuum machten Hoffnung auf eine spannenden Zeit und ließen uns im Trance und Taumel geile und geschichtsträchtige Tage erleben. Danke für diese Augenblicke!

Doch mit der Öffnung der Mauer, die auch ich herbei gesehnt habe, war dann plötzlich alles vorbei. Zumindest war es der Anfang vom Ende. Die Träume fingen an zu bröckeln. Nach „Wir sind das Volk“ kam „Wir sind ein Volk“ und die Utopie einer besseren DDR war beerdigt.

Plötzlich dominierten Alditüten und Workmans von Einkaufstouren in Westberlin auf ostdeutschen Bahnhöfen. Über eine neue Republik dachte keiner mehr nach, das Revolutionäre wurde dem Konsumrausch geopfert. Faktisch wurde die Revolution am 9. November 1989 um 19.00 Uhr von Schabowski auf der legendären Pressekonferenz für beendet erklärt.

Die BRD war eigentlich nicht das, was ich haben wollte. Irgendwie war ich an meiner verschnupften Schwulenparty aufgeregter, als am 9. November. OK, die Reiseziele hießen nicht mehr nur Burgas, Prag und Budapest, man konnte lesen, was man wollte und irgendwie war es schon freiheitlicher. Aber, weil man alles bekam und überall hin konnte, war es nicht mehr so spannend. Nicht mehr so aufregend.

Die Gefühle von damals zu konservieren, hatte ich immer wieder versucht. Manchmal gelang es, sich genau daran zu erinnern, meistens nicht. Die Zeit hat sich so verändert, vieles wurde durch soviel Neues überdeckt, so dass nur noch rudimentäre Fragmente bleiben. Aber ich war Geschichte, Weltgeschichte und mit diesem erhabenen Gefühl der Teilnahme an einer zwar kurzen, aber erfolgreichen und friedlichen Revolution kann ich heute ganz gut leben.

 

 

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