„Bernd, Homos dürfen jetzt heiraten.“ „Wir sollten uns scheiden lassen, Liselotte. Macht ja alles keinen Sinn mehr.“

27.05.2015 – Allgemeine Zeitung Mainz

homoehe

Leserbrief….

„Lieber Herr Breidenbach,

ich las heute Morgen ihren Kommentar zur sogenannten „Homo-Ehe“ und war schon etwas erstaunt. Am Anfang liest es sich holprig, aber dann kommen Sie in Fahrt. Sie sprechen von einer „Relativierung“ der Ehe durch die „Homo-Ehe“. Ich kann mich an kein heterosexuelles Paar erinnern, dass sich hat scheiden lassen, weil die Lebenspartnerschaft eingeführt und nach und nach Gesetze zur Gleichstellung angepasst wurden.

„Bernd, Homos dürfen jetzt heiraten.“ „Wir sollten uns scheiden lassen, Liselotte. Macht ja alles keinen Sinn mehr.“

Dann heißt es weiter, dass es eine „Kampange“ gegen die Ehe gibt. Ehrlich gesagt ist mir vollkommen schnuppe wer wen heiratet, aber wenn, dann mit allen Rechten und Pflichten, welche die Zivilrechtliche Ehe auch hat.

Und dann habe ich mich fast an meinem Kaffee verschluckt, ich zitiere Sie: „Der wichtigste Unterschied liegt, von manchen gerne verdrängt, in der Fähigkeit von Mann und Frau, Kinder zu zeugen.“

Biologie, 5. Klasse, hat jede_r schon mal gehört. Im Zusammenhang mit ihrem Kommentar reduzieren sie allerdings eine Ehe zwischen Mann und Frau auf einen Brutkasten, einen Reproduktionsapparat.

Sie sprechen damit nicht nur homosexuellen, sondern auch heterosexuellen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer keine Kinder bekommen können oder sogar wollen (ja, auch das gibt es Herr Breidenbach), das Recht auf eine Hochzeit und eine Ehe ab. Und die Ehepaare, die ihre Kinder großgezogen haben sollen sich jetzt scheiden lassen, weil sie keine Kinder mehr bekommen wollen oder können? (Auch das ist Biologie, Herr Breidenbach. Irgendwann ist Schluss mit gebären.)

Und das ist nicht nur rückständig, sondern auch in höchstem Maße diskriminierend und beleidigend. Ich möchte nicht wissen was bei einigen Lesern und Leserinnen ihres Kommentars im Kopf rumgegangen ist als sie Ihre Worte gelesen haben.

Die Samenspender-und Leihmutterindustrie gibt es schon lange, möglicherweise länger als Ihnen bewusst ist und wird hierzulande vor allem von heterosexuellen Paaren und Alleinerziehenden genutzt. Und das ist auch vollkommen ok.

Der letzte Satz schlägt dann noch mal eine ganze Latte tiefer, ich zitiere Sie wieder: „Der gegenwärtig strömende Zeitgeist hofiert gleichgeschlechtliche Partnerschaften nachgerade, während er die Ehe zwischen Mann und Frau bestenfalls zu dulden geneigt ist.“

Im Gegenteil, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare schwächt die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau nicht, sie stärkt die Gesellschaft, sie lässt zu, dass noch mehr Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.

Von meiner Seite aus kann ich ruhigen Gewissens sagen, dass ich mich über jedes Heteropaar in meinem Umfeld freue, das sich das „Ja-Wort“ gibt und Verantwortung übernimmt, aus Liebe zu einander und nicht weil die Ehe ein reiner Reproduktionszirkel ist.

Ich könnte jetzt noch einen Exkurs machen zur Zivilrechtlichen Ehe, aber das würde den Rahmen sprengen und ihre Meinung auch nicht ändern, dennoch hoffe ich, dass Sie vielleicht noch einmal in sich gehen und Ihre Worte mal versuchen aus der Sicht von Betroffenen, seien sie homo- oder heterosexuell, zu lesen.

Liebe Grüße,

Anni

PS: Nennen wir es doch bitte einfach Ehe. Ich trinke auch kein Homo-Bier und esse ein Homo-Schnitzel.“

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