„Eulen nach Athen“ Waldorfschule kontra Verschwörungstheoretiker

Brief des Vorstandes:

„An die Kollegien der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen

Sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen,
seit einiger Zeit sind in Europa deutliche Tendenzen erkennbar, in längst überwunden geglaubte nationalistische Strukturen zurückzufallen. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Skepsis oder Ablehnung der bestehenden politischen Strukturen Europas oder der transatlantischen Beziehungen einher.
Zweifellos ist Skepsis gegenüber intransparenten und in mancher Hinsicht auch
nachgerade undemokratischen Entscheidungsprozessen innerhalb Europas angebracht und fordert zu einem verstärkten Engagement der Bürgerinnen und Bürger auf. Mit Blick auf die an unseren Schulen oft zu wenig akzentuierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen sind Initiativen von Kollegien, die Kenntnisse und die Urteilsfähigkeit unserer Oberstufenschülerinnen und –schüler auch in dieser Hinsicht zu fördern, sehr zu begrüßen.
Aus gegebenem Anlass möchten wir Sie allerdings mit einiger Sorge darauf hinweisen, dass bei der Einladung von Gästen, die mit den Schülerinnen und Schülern an diesen Themen arbeiten, darauf zu achten ist, dass man sich nicht irgendwelche Verschwörungstheoretiker ins Haus holt – oder Schülern unreflektiert gestattet, dies zu tun. Einer dieser Verschwörungstheoretiker ist Ken Jebsen, ein ehemaliger Waldorfschüler, der früher beim RBB gearbeitet hat und sich seit seiner Entlassung als Aufklärer gegen die „gleichgeschaltete Presse“ geriert – bei YouTube, auf seinem Blog
KenFM, aber auch als Redner bei den „Mahnwachen für den Frieden“, einem
Sammelsurium von Verschwörungstheoretikern, Neurechten und Reichsideologen. Ken Jebsen tat sich unter anderem damit hervor, den 11. September 2001 als Aktion der USRegierung zu bezeichnen. Kürzlich wurde auch der österreichische Rapper Kilez More, der sich selbst als „Systemfeind“ bezeichnet und wie Ken Jebsen Verschwörungstheorien verbreitet, von einer Schülergruppe eingeladen.
Mit unserer Publikation zu der „Reichsbürger“-Bewegung haben wir vor einem halben Jahr bereits auf die Gefahr von Verschwörungstheorien hingewiesen, die gerade auf junge Menschen oft verführerisch wirken, weil sie einfache Antworten für komplexe Zusammenhänge bereithalten. Verschwörungstheorien leben von Zirkelschlüssen, denen man, wenn man ihnen einmal verfallen ist, nur schwer wieder entkommt. Dass sie oft dem rechten Spektrum angehören, zeigt das ebenso typische wie immer wiederkehrende Beispiel des so genannten „Weltjudentums“, dem über die Kontrolle der Finanzmärkte die heimliche Weltregierung zugeschrieben wird. Von dort bis zum Antisemitismus ist es nicht weit. Es gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung, junge Menschen aufzuklären und urteilsfähig zu machen, nicht aber, unsere Schulen zu Plattformen für die Verbreitung solcher Ideologeme zu machen.
Im vergangenen Schuljahr hat es mindestens fünf Vorfälle an deutschen Waldorfschulen gegeben, die es wegen ihrer Nähe zur rechtsextremen oder „reichsbürgerlichen“ Szene in die Presse geschafft haben. Das erfüllt uns mit Sorge und wir möchten Sie daher nachdrücklich bitten, unsere pädagogische und gesellschaftliche Verantwortung nicht im Namen eines vermeintlichen „freien Geisteslebens“ zu konterkarieren, das mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes gar nichts, mit Demagogie aber sehr viel zu tun hat.
Wenn Sie bezüglich eines Redners unsicher sind, hilft oft schon ein Blick ins Internet.
Nicht alles, was man dort findet, stimmt, aber Quellenkritik gehört zu den
Basiskompetenzen unserer Zeit – und sollte auch unseren Schülerinnen und Schülern beizeiten vermittelt werden. Beim Verfassen dieses Briefes ist uns wohl bewusst, dass er bei den meisten von Ihnen „Eulen nach Athen“ trägt. Dennoch ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Waldorfschulen eine gewisse Anziehungskraft auf Menschen auszuüben scheinen, die dem rechten oder verschwörungstheoretischen Spektrum angehören. Das erfordert eine
gesteigerte Wachheit und klare Begriffsbildung, weil die Grenzen oft fließend, die Protagonisten Sympathieträger und Teilwahrheiten schwerer zu durchschauen sind als offensichtliche Irrtümer oder Lügen.
Insofern möchten wir auch am Ende dieses Briefes noch einmal auf die Notwendigkeit eines qualifizierten Gesellschafts- und Wirtschaftsunterrichtes hinweisen, der die Schülerinnen und Schüler befähigt, sich auf der Grundlage belastbarer Kenntnisse bewusst mit der Zeit, in der sie leben, auseinanderzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen für den Bundesvorstand, Ihr

Henning Kullak-Ublick“

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