Hooligans Gegen Satzbau: Antwort auf kritischem Leserbrief

Quelle

„Ab und zu bekommen wir „kritische“ Leserpost. Wenn wir nicht bedroht werden, oder Aufrechtdeutsche™ auf ihr geistiges Eigentum pochen, dann sind’s die typischen Patriotenparolen, die uns um die Ohren fliegen.
Heute bekamen wir eine Nachricht, die so ziemlich alle „Argumente“ der selbsternannten Patrioten umfasste.
Irgendwie ging’s da wohl mit mir durch und ich habe ausführlicher geantwortet, als ich es normalerweise tue:

„Ich habe irgendwo was gegen die Asylanten. Andererseits nicht. Die die wirklich aus kriegsgebieten kommen. Die wirklich alles verloren haben können gerne her kommen aber wenn ich deren benehmen sehe.“

So ganz genau weiß ich nicht, welches Benehmen du meinst.
Welches Benehmen hat dich denn konkret betroffen? Handelt es sich um das Benehmen von einem bestimmten Flüchtling, den du kennst, einer Situation, die du beobachtet hast, oder Dingen, die du gehört hast?
Ohne nun genau Bescheid zu wissen, was du meinst, gebe ich dir mal eine Aufgabe.
Stelle dir vor, du hast dein Leben lang gearbeitet, hast drei kleine Kinder, eine Frau, ein Haus und ein Auto. In deinem Land bricht Krieg aus und alles ist zerstört. Dein Land, deine Stadt, die medizinische Versorgung, dein Haus, dein Auto, deine Arbeit gibt es nicht mehr. Das Geld für eine Flucht, welche 30% nicht überleben, reicht nur für eine Person. Du weißt, dass es in Europa die Möglichkeit gibt, Asyl zu beantragen und, dass es dann die Möglichkeit gibt die Familie auf sicherem Weg nachzuholen.
Meine Frage nun:
Wer aus deiner Familie flüchtet und was sind die wichtigsten drei Dinge, die auf die Flucht mitgenommen werden?

Die Flucht ist gelungen, du hast nach Monaten ein Land erreicht, welches sicher ist: Griechenland. Es stapeln sich die Menschen am Strand, bei bulliger Hitze. Keine Toiletten, keine Versorgung mit Wasser oder Lebensmitteln, kein Schlafplatz, du verstehst kein Wort der Sprache. Du hast nur einen Gedanken: Ich muss weiter, weg von diesen Menschenmassen, ich muss meine Familie retten. Ich brauche eine Wohnung, ein Leben, Sicherheit. Gut, dass du dein Handy mitgenommen hast und weißt, dass deine Familie noch lebt. Das gibt dir Kraft weiterzumachen. Also machst du alles mit. Du lässt dich in ein Flüchtlingscamp einquartieren, genau wie tausend andere auch, in der Hoffnung, nicht vergessen zu werden. Du schläfst mit zig anderen Menschen, wie die Tiere zusammengefercht, in einem Zelt. Nicht jeder hat das Glück ein Bett zu bekommen.
Frage:
Wie fühlst du dich? Was ist dein nächster Schritt?

Du hast gehört, dass es im Inneren Europas ruhiger wird, die Flüchtlinge sich besser verteilen, und du flüchtest weiter. Irgendwann landest du in Deutschland. Du sprichst die Sprache nicht, campierst tagelang vor dem Lageso in Berlin, darfst deinen Platz in der Schlange nicht verlassen, sonst musst du dich wieder hinten anstellen, dein Antrag wird vielleicht nie bearbeitet und du wirst keinen Schlafplatz bekommen. Du hältst nach drei Tagen Warten deinen Termin zur Erstellung deines Asylantrages in der Hand. Leider ist der erst in drei Monaten, das heißt, für die nächsten drei Monate wirst du kein Bargeld sehen, keinen Aufenthaltsstatus erhalten und du hast keine Möglichkeit deine Familie nachzuholen. Du hast deine Familie seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Wie gut, dass du ein Telefon hast und weißt, dass sie noch leben. Du bekommst Hostelgutscheine für die Nacht und fünf Adressen. Du verstehst kein Wort, aber nachdem du alle Hostels irgendwie gefunden hast, leider hast du kein Geld für den Nahverkehr und musst schwarz fahren, stehst du wieder da, wo du vorher warst. Kein Hostel hat dich genommen, trotz Gutschein. Du schämst dich, hast nichts erreicht, stehst alleine da, hast das erste Mal in deinem Leben bewusst etwas Gesetzwidriges in dem Land getan, in welchem du doch bleiben möchtest. Du bist schwarzgefahren.
Meine Frage:
Hattest du eine Wahl?
Was hättest du getan?

Irgendwann landest du dann doch noch in einem Überganswohnheim und teilst dir mit 20 anderen Männern, die ihre Familien genauso vermissen, wie du, ein Zimmer. Weitere 2000 Menschen leben in den Zelten um dich herum. Mit 100 Menschen teilst du dir eine Toilette und eine Dusche. Stell dir das mal für dich vor: 20 Männer, verschiedener Nationalitäten, politischen Einstellungen, Religionen, unterschiedlichen Alters, voller Sorge um ihre Familien, in einem kleinen Raum und du mittendrin. Du hast seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen und gegessen, es sind über 30 Grad draußen, du hast nichts weiter zu tun, als zu warten. Drei Monate lang. Vorerst. Denn danach wirst du auch noch auf die Bearbeitung deines Asylantrages warten und das kann dauern.
Meine Frage:
Wie lange würde es dauern, bis du ausrastest?
Wie würde es dir gehen?
Warst du schonmal im Zeltlager oder auf einem Festival?
Wie sehen die sanitären Anlagen aus, wenn sich so viele Menschen den Platz teilen?

Du bekommst Essensrationen ausgeteilt. Es gibt das, oder nichts. Tagelang. Du kannst es irgendwann nicht mehr sehen. Dir fehlt deine Familie, nehme ich an. Es schnürt dir den Magen zu, du hast Angst um sie, es dauert dir alles viel zu lange. Du hast keinen Hunger mehr und zermarterst dir das Gehirn:
Warum ist alles so fremd? Warum lässt man dich nicht selber kochen und für dich sorgen? Warum kann deine Familie nicht einfach bei dir sein? Warum kannst du nicht einfach arbeiten?
Frage:
Wie geht es dir jetzt?
Was machst du mit dem Frust?

Die Situation und die Ausstattung der Notunterkunft sind erbärmlich. Die Schlange vor den Toiletten ist lang. Die Blase drückt.
Frage:
Was machst du?
Und was machst du, wenn die Mülleimer tagelang nicht abgeholt werden und aus allen Nähten platzen, weil du einfach mit 2000 anderen Menschen „vergessen“ wirst, oder du zumindest dieses Gefühl hast?
Was stellst du so am Tage an, damit dir das Warten nicht zu lang wird?

Und meine letzte Frage:
Wer hat das schlechte Benehmen? Die Flüchtlinge?
Die Politiker?
Die Menschen, die Stimmung gegen die Flüchtlinge machen?
Die Leute, die wegschauen?

„Das wir Gesetze ändern und deutsche vernachlässigt werden ist das traurig. “

Deutschland gehört zu einem der reichsten Länder der Welt, mit einer der besten sozialen Absicherungen. Jeder Deutsche kann Hartz4 beantragen und bekommt Hilfen und Unterstützung bei der Wohnungssuche. Die Wohnung wird bezahlt und das Geld reicht aus, damit man etwas essen kann und nicht hungern muss. Jedes Kind kann zur Schule gehen. Was für ein unglaublicher Luxus.
Damit hat jeder Mensch hier in Deutschland mehr, als die meisten anderen Menschen auf der Welt.

Zu den Gesetzesänderungen kann ich nichts sagen, denn ich kenne kein einziges.
Kannst du mir eines nennen?

„Alle reden auch von nazis. Die Sache dabei ist. Es gibt keine nazis mehr. Wir haben nicht 1944 sondern das 21. Jahrhundert. Uns nennt man Patrioten. Und wir deutschen haben das Recht unser Land zu verteidigen.“

„Nazi“ ist ein Begriff aus dem zweiten Weltkrieg. „Neonazis“ gibt es auch heute noch. Oftmals wird jedoch der Zusatz „Neo-“ einfachheitshalber weggelassen.
Ich nenne Menschen (Neo-)Nazis, wenn sie bewusst menschenverachtendes, rassistisches Gedankengut verbreiten. Es gibt aber sicherlich mehr Menschen, die ich als „Reichsbürger™“ oder „Aufrechtdeutsche™“ betitle. Macht’s nicht besser, triffts nur eher.

„Was ich Hasse sind die Wirtschaftsflüchtlinge, die her kommen wegen unserer Sozialleistungen.“

Stell dir vor, dein Land wird ausgebeutet von anderen Ländern (schau mal in deine Klamotten, woher diese kommen und informiere dich darüber, wo die Lebensmittel, die du konsumierst, produziert werden) und du kannst selber deinen kleinen Hof, mit welchem du dich und deine Familie selbst versorgt hast, nicht mehr halten, da die Wasserzufuhr von den Großkonzernen gekappt wurde. Deine Ländereien sind tot, dein Geld reicht nicht, um deine Familie zu ernähren. Deine Kinder werden sterben, wenn du bleibst. Das weißt du. Du versuchst dich jahrelang über Wasser zu halten, versuchst vielleicht deine Hühner auf dem Markt zu verkaufen. Die nimmt dir aber keiner mehr ab, da sie zu klein und teuer sind. Ein westlicher Großhändler überflutet den Markt mit seinen Billighühnern durch Massentierhaltung und nimmt dir jede Lebensgrundlage.
Frage:
Was tust du, um dich und deine Familie zu retten?
Noch eine andere Frage:
Was sind Deutsche, die nach Schweden oder Kanada auswandern?

So lange wir mit unserem Konsum die Ausbeutung anderer Länder vorantreiben, werden diese Menschen flüchten, um zu überleben. Das sind die Menschen, die du Wirtschaftsflüchtlinge nennst.
Wir sind an dieser Flucht mitschuldig. So lange wir nicht aufhören diese Ländern kaputt zu machen, werden diese Menschen versuchen, hier ihr Glück zu finden.

Jeder Einzelne von uns würde in einer solchen Situation das Gleiche tun!

Klugscheißerhool
Grammatikhool
Grafikhool

‪#‎HoGeSa‬ – Hooligans Gegen Satzbau“

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