Bericht von der Flüchtlingsroute im Westbalkan

Márta Tinka Behrendts Beitrag

„EIN BERICHT AUS SERBIEN ++
Mein Tag gestern

Ich sehe entlang der Gleise immer wieder Gruppen. Diese Gleise führen zur Grenze, ca. 2 Stunden Fußmarsch von meinem Dorf.

Während ich zwei Familien mit Infos und Verpflegung auf dem Weg versorgt habe, kam ein Einheimischer an und hat mich beschimpft, hat mit Polizei gedroht.
Später habe noch andere Gruppen getroffen, ich hab mich nun versucht bedeckt zu halten, da ich wie ein Außerirdische angeschat werde. In der Tat bleibt viel Müll liegen und Obstgärten werden geplündert, die Locals haben leider kein Toleranz, und die Propaganda ist groß und wächst. Schnell ein Paar Infos, Fragen beantworten, bisschen was verteilen. In jede Gruppe finde ich jemanden der Englisch kann.

Später fuhr ich zur Lager nach Kanizsa. Die Einfahrt wird von Polizisten bewacht. Ich hab so getan als könne ich nur Deutsch und English, wenn sie dann anfangen zu stottern dann sitze ich an den längeren Hebel. Nach einigen Hin und Her haben mich doch zu der zuständigen Organisator von der UNHCR. War schon witzig wie die untereinander debattiert haben, nicht ahnend dass ich sie verstehe. Zum Schluß waren die recht kooperativ.

Nun, diese Zeltlager ist furchtbar. Mehr kann ich nicht dazu sagen. Aber immerhin können die Leute sich frei bewegen. Die sind einigermassen verpflegt, aber ich muss sagen, dass das Essen jetzt keine große Rolle spielt, auch nicht was die anhaben. Die sind fertig, und wissen jetzt ist die Grenze ganz nah, und die hoffen jetzt wird alles gut. Oder besser. Die wollen einfach durch.

In den Camp werde ich nicht mithelfen. Ich seh darin nicht viel Sinn. Die, die an den Gleisen marschieren zu stärken, erscheint mir sinnvoller. Werde allerdings am Montag Hygieneartikel und Waschseife dort hinbringen, danach haben die gefragt. Morgen ist Sonntag und alles zu.

Während ich dort war sah ich Busse zu kommen, die Leute stiegen panisch ein. Auf meine Frage, wo die hinfahren haben die Polizisten sich irgendwie rausgeredet…

Im Ort hat mich wenig später jemand angesprochen ob ich wüsste wo man ein Hotelzimmer bekommt. Es war ein Anwalt aus Damaskus mit seinen Freunden, die haben ihre Familien auch dabei, die Frauen und Kinder waren jedoch irgendwo und die Männer haben versucht etwas zu besorgen. Ein sehr sympathischer Mann, mit großen Augenringen und ziemlich abgemagert. Nach tagelangen Marsch und aufm Boden schlafen möchten die Männer dass die endlich ein Bett bekommen.

Wir haben Zimmer besorgt, Geld gewechselt – viele vergeben Zimmer an keine Migranten, auch nicht wenn ich als „Einheimische“ dabei bin. Das Zimmer kostet das Doppelte wie normal… es war ein wenig Aufwand aber es hat geklappt.
Seine Sorgen und Ängste um seine Familie und die ungewisse Zukunft haben ihn gelähmt und mich Ohmächtig gemacht.
Das ist so schlimm…

Beim Losfahren hatte ich dann auf einmal und durch Zufall so einen mysteriösen Bus ausm Camp vor mir. Nun, die fahren die an eine Stelle wo die Grenze etwa eine knappe Stunde entfernt ist. An den Gleisen, da ist eine Spalt für die Züge an den Zaun. Da kann man momentan relativ gut durchkommen. Es wird eine riesen Müllberg hintergelassen, die entledigen sich alles was das Laufen schwer macht. Die Einheimische stehen vor ihren Häusern, sehen zu, schütteln die Kopf. Unmut wird groß. In einem Fenster sitzt ein Teenie und macht Selfies. Skurill. Das Ungarische Fernseher ist da. Der Reporter, den ich am Abend in den Nachrichten saß, sagte mir das wären ganz reguläre Busse ausm Stadt. Ich sage dass es nicht stimmt. Der Bus war von der Polizei begleitet und ca. 300 Meter vor Ziel abgebogen. Ich denke, immerhin, die lassen die Leute passieren. Bisschen inofiziell, denke ich.

Ich war noch auf dem Busgahnhof, da schlafen viele aufm Betonboden und warten auf Busse, die die Geld haben versuchen ein Taxi zur Grenze zu bekommen, kleinere Gruppen gehen zu Fuß los.

Ich fahre heim. Ich fühle mich sehr priviligiert. Bin ich wohl auch. Wie ihr fast alle. Mir sind die Gesichter den zwei Väter im Gedächtnis geblieben… Müde, ausgezerrt, voller Sorge. Und verschmierte Kindergesichter, so dankbar für kleine Süßigkeiten. Die Winken dann zu. Die Gesichter der Mütter voller Demut und Dankbarkeit dass du etwas für ihre Kinder tust. Einer der Väter hat mich gefragt warum ich das tue. Ich wäre die erste hilfreiche Person auf seiner Flucht. Ich weiss nicht warum. Er sagt, es kommen jetzt weitere Tage ohne Hilfbereite Personen, er muss es annehmen. Wir lachen. Mit bitteren Nachgeschmack. Ich versuche zu trösten und sage ihn dass in Deutschland und Österreich ganz viele hilfbereite Menschen sind. Wir verabschieden uns, tauschen Kontakte aus und sagen, wir treffen uns dann irgendwann in Deutschland.

Die Lage ist hier angespannt. Ab dem 15.9. will die Ungarische Regierung die Gesetze verschärfen. Bis dahin, oder jetz, wird das irgendwie geduldet dass Migranten einen Weg zum durchkommen finden. Manche munkeln, dass die Armee einrücken wird, ich kann das nicht glauben. Es wäre gut wenn hier Hilfsorganisationen präsent wären, wenn Aufräumarbeiten organisiert wären, damit die Spnnung mit dem Locals nicht eskaliert.

Ich hab keine Bilder gemacht. Ich fühle mich wie ein Gaffer wenn ich das Elend der Leute fotografieren will. So ging mir schon in Budapest. Es sind viele „Flüchlings-Touristen“ unterwegs.

Eine interessante Sache: in den Horgos angesiedelt Romas – die selbst nach Deutschland als Flüchtlinge kommen – nutzen die Lage aus, für 50 Euro zeigen die Richtung zu der grünen Grenze. Die müssen nicht mal aufstehen dafür. Dicke Motorräder und Autos werden in Wochentakt ausgetauscht. Ich finde das auch sehr skurill. Ich habe jetzt lange überlegt ob ich das jetztschreiben soll, aber es gehört zu der Realität leider.

Es regnet leicht, und ich denke was wohl die an der Grenzübergang jetzt passiert, wie viele rennen, wie viel Angst in der Luft ist. Und ich denke an meinen neuen Anwaltfreund aus Damaskus und ich hoffe dass er einen Zimmer hat wo er sich mit seiner Familie endlich ausschlafen kann. Denn es kommen große Strapazen auf in zu.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s