„Dieser einseitige Antiamerikanismus der Wagenknecht geht mir ziemlich aufm Geist!“

Man quält sich immer mit der eigenen Partei. Wie lange ich diesen Masochismus noch durchstehe, weiß ich nicht.

Wenn man, wie ich, in einer Partei mit Wolfgang Gehrke, Christine Buchholz, Oskar Lafontaine, Inge Höger, Anette Groth, Kurt Michalowsky, Diether Dehm, Lucy Redler, Sevim Dagdelen und anderen Strahlos aus dem Querfront-Sympathisanten-Milieu, vom Frauendeck der Gaza-Flotte und aus dem Dunstkreis von Stalinisten, Trotzkisten und weiteren K-Gruppen oder ehemaligen K-Gruppen, zusammen Mitglied sein muss, da ist man einiges gewöhnt. Oder man gewöhnt sich nie daran und ärgert sich insbesondere über diese Mitgenoss*innen, übt sich im permanentem Fremdschämen oder ignoriert einfach alles, was jenseits eigener roter Linie in der Partei so abläuft.

Letzteres gelingt mir immer weniger, obwohl genau das der hilfreiche Mechanismus sein sollte, der einen Verbleib in dieser Partei sicher stellt. Ich habe mich ja schon des öfteren über jemand aufgeregt, der in der obigen Aufzählung fehlt: Sahra Wagenknecht. Sie wollte schon immer was zu sagen haben in der Partei, sie wollte schon immer Bedeutung. Nun, nachdem Gysi von der Fraktionsfahne gegangen ist, hat sie diese immer gewünschte Position, diesen bedeutenden Posten als Fraktionsvorsitzenden im Bundestag bekommen.

Im Namen der Fraktion kann sie jetzt genau das schreiben, was sie vorher nur in ihrem Namen heraus posaunte. Eine Grundaussage kommt bei ihr in jeder ihrer Argumentation vor: Die Schuldzuweisung aller Krisen auf der Welt in Richtung Militär-Industrieller Komplex der USA.

Ihre Erklärung zu den Anschlägen von Paris fällt dementsprechend eingeengt und verkürzt aus: „Wenn die USA weiter daran arbeiten, Staaten im Nahen und Mittleren Osten zu destabilisieren und Brandherde zu legen, sollten wir nicht länger zuschauen, sondern ihnen zumindest jegliche deutsche Unterstützung, einschließlich der Nutzung von Militärbasen auf deutschem Boden, entziehen. Man kann allerdings auch nicht von der Bekämpfung der Fluchtursachen sprechen und dann Kampfpanzer nach Katar verkaufen, die im Krieg in Jemen eingesetzt werden und eine neue Flüchtlingswelle auslösen können. Das ist schlicht eine völlig unehrliche Politik.“

Ich habe darauf kommentiert: „Dieser einseitige Antiamerikanismus der Wagenknecht geht mir ziemlich aufm Geist!“ und bekam 35 Likes und einen saftigen Shitstorm von einer ungenauen Zahl an Wagenknecht-Groupies, die dem Duktus nach auch aus den Umfeld von Pegida und AfD hätten sein können. Wie bei allen Postings von Sahra Wagenknecht, so auch hier, tummelt sich in ihren Kommentarspalten unverblümt ein Troll-Reservoir aus dem gesamten Querfront-, Verschwörungstheoretiker- und neurechtem Kosmos. Es sondert seinen ganzen propagandistischen und menschenverachtenden Müll unter die Posts der neuen Linken Fraktionsvorsitzenden ab. Ab jetzt findet man es im Fraktions-Facebook-Account.

Die Fundamental-Anti-Amerikaner haben sich unter meinem Kommentar gefunden und lassen es raus, eine wahre Troll-Explosion. Wagenknecht hat mit ihrer einseitigen, völlig verkürzten und hasserfüllten Kritik an die USA einen Antiamerikanismus unter ihren Jüngern heran gezüchtet, der kaum zu ertragen ist. Gespickt ist das Ganze mit Zugaben von Verschwörungen und Antisemitismus. USA und Israel sind, wie immer, der Hauptfeind.

Sie hat einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Das machen die Neurechten von Pegida bis AfD genauso. Sie versucht die nationale Karte zu spielen, um den Anschluss an völkische Bewegungen zu finden und die Schnittmengen ihrer „linken“ Ideologie zum rechten Rand auszuloten.

Das macht sie jetzt im Namen der Bundestagsfraktion der LINKEN. Wie das bei Teilen der Fraktion ankommt, weiß ich nicht. Warum jetzt auch in ihrem Namen antiimperialistische Pamphlete aus dem Klassenkämpfen von vorgestern goutiert werden, ist mir völlig unerklärlich. Warum solche Erklärungen im rechten Umfeld gefeiert werden, leuchtet mir wiederum ein.

Ich will von einer Wagenknecht nicht vertreten werden. Ich will beim kommenden Wahlkampf in Berlin mich nicht dauernd für solche Leute in der eigenen Partei entschuldigen und rechtfertigen müssen. Genau dieser Personenkreis diskreditiert die LINKE und schädigt die Arbeit von so vielen netten, aufgeklärten, reflektierten und emanzipierten Genoss*innen.

Es ist ein Dilemma! Ich werde mich wohl noch weiter, allein schon wegen den vielen netten, aufgeklärten, reflektierten und emanzipierten Genoss*innen, in dieser Partei aufhalten, mich weiter quälen und den politischen Masochismus durchstehen. Aber ich werde mich auch weiter aufregen und den Finger in die sich bietenden Wunden der Partei legen. Nur so ist es für mich zu ertragen. Auch eine Wagenknecht.

Raik Weber, Ema.Li Berlin

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3 Antworten zu “„Dieser einseitige Antiamerikanismus der Wagenknecht geht mir ziemlich aufm Geist!“

  1. Nein Neininger

    Und wer bitte schön kritisiert die USA denn sonst? Praktisch niemand im Bundestag. Das kann doch nicht durchgehen. Die anderen Länder werden doch schon genug von den anderen kritisiert.
    Ebenfalls gibt es mal gerade eine Hand voll Spitzenpolitiker in der USA, die mit der Politik der Linken wirklich vereinbar wären…
    Also… entweder zu den Überzeugungen stehen oder blind mit gewissen Ländern liebäugeln.

    • Hans Georg Riedel

      Also… entweder zu den Überzeugungen stehen oder blind mit gewissen Ländern liebäugeln.
      Das sehe ich nicht so, denn es zeugt von oberflächlichem opprtunistischen Verhalten.
      Wenn ich glaubwürdig sein will, muss ich auch und gerade die kritisieren auf die sich die Bundesregierung und deren Lobbyisten und Medien eingeschossen haben.
      Was hindert mich daran auch Russlands Putin als Verbrecher gegen die Menschlichkeit in einem Atemzug mit den Usa und Obama oder Kerry zu bezeichnen, wenn beide sich Waffenlieferungen in sogenannte Krisengebiete verschrieben haben und Bomben auf die Zivilbevölkerung und Krankenhäuser abwerfen?
      Wenn ich mich für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen will, dann für die betroffenen Menschen, denen das vorenthalten wird und zwar von den Russen und den USA gleichermaßen.

  2. Hans Georg Riedel

    Einen Satz, der nicht von ihr relativiert wird, würde ich mir von Sahra Wagenknecht wünschen:

    „Gleichgültig, wer letztendlich die Bomben auf Aleppo abgeworfen hat und abwirft, es sind ausnahmslos alle Mörder die gegen das Menschenrecht verstoßen.“
    Wenn sie dabei expressis verbis Personen und/oder Länder nennt, dann sollte sie auch Putin und Russland erwähnen.
    Es ist mittlerweile auffallend, dass sie in ihren Reden Russland nicht ebenso kritisiert und benennt, wie den sogenannten Westen und dessen Verbündete.
    Ist Russland kein Waffenlieferer, das ebenfalls eigene Waffenschmieden hat?
    Ich habe eine entsprechende Frage an Frau Wagenknecht gerichtet, die sie nicht beantwortet.
    Das relativiert für mich den Wahrheitsgehalt ihrer Reden und das ist sehr bedauerlich.

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