#ARD#ESC #Naidoo #EinLiedfürStockolm: „Warum zum Teufel kam man auf die Idee…“

Quelle Ventil Verlag

Martin Büsser zu Xavier Naidoo, Intro/März 2002

„Warum zum Teufel kam man auf die Idee, ausgerechnet mir diese beiden CDs zu schicken? Etwa deshalb, weil ich nur eine gute halbe Autostunde von Mannheim – laut Naidoo das neue Jerusalem – entfernt wohne und also den Lokalbonus habe? Wenn Mannheim, diese schreckliche, zur Stadt aufgeblähte Großkaserne mit Bewohnern, die einen widerwärtigen Dialekt sprechen (alle klingen dort wie Joy Fleming), die „Stadt des Herrn“ sein soll, wie Naidoo ständig verkündet, indem er patriarchalisch „Mann“ mit „Herr“ gleichsetzt, dann muss die Hölle ein idyllisches Städtchen in der Provence sein. Und wenn, um das gleich draufzusetzen, „göttlich inspirierte“ Musik tatsächlich so klingen sollte wie Xavier Naidoos neueste Machwerke, ziehe ich es vor, die nächsten fünftausend Jahre bei Wasser und Brot nur noch rückwärts abgespielten Black Metal zu hören. Um diesen persönlichen Ekel ein wenig zu relativieren, muss ich zugeben, dass ich Naidoo lange dafür verteidigt habe, Soul in den deutschen, ansonsten oft so spröden HipHop gebracht zu haben. Ich fand das ebenso verdienstvoll, wie ich auch seine Stimme anfangs mochte. Und sogar noch seine ersten religiösen Kapriolen habe ich in erhitzten Diskussionen mit dem Argument verteidigt, dass so etwas beim englisch gesungenen Soul und Reggae auch problemlos durchginge. Inzwischen aber gibt es keinen Anlass mehr zur Verteidigung. Aufgeteilt in ein “weltliches“ und ein “christliches“ Album, schwingt aus beiden CDs nur noch die reaktionär autoritäre Stimme wie ein Rohrstock über Hörerin und Hörer nieder. Mit gut gemachtem Soul hat das musikalisch wie textlich nichts mehr zu tun: Gegenüber den großen Stimmen der Befreiung, Namen wie Curtis Mayfield und Gil Scott-Heron, verhält sich Naidoo wie ein unbarmherziger Despot. Beide CDs beziehen sich aufeinander, indem „Alles für den Herrn“ die bedingungslose, devote Hingabe an Gott fordert, „Zwischenspiel“ dagegen die „weltlichen“ Gesetze festlegt, etwa die dienende Rolle der Frau und die Bestimmung des Mannes als Vater, Erzieher und Krieger. Reaktionärer geht es nimmer! Wäre diese Musik nicht mit Rap und Soul unterlegt, sondern mit donnerndem Marsch-Metal à la Joachim „Bayreuth“ Witt, hätten die Feuilletons längst mit Fug und Recht warnend die „Rechtsrock“-Bremse gezogen. So aber gehen Texte durch, die ideologisch weit hinter alles zurückfallen, was in zweihundert Jahren Aufklärung und Emanzipation mühsam errungen wurde. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, ich werde alles tun, damit ich es gefügig mach’, ich halt mich tagelang wach, um in der Bibel zu lesen“, heißt es in einem Song, bei dem gerade noch fehlt, dass Homosexualität und Selbstbefriedigung mit dem Fegefeuer bedacht werden. Weniger pfui als Sex ist dagegen dem Christen immer schon der Krieg, das Metzeln und Morden gewesen. „Ich bet’, ich wär nicht dabei“, singt Naidoo auf „Alle Männer müssen kämpfen“ – wenn es denn aber nicht anders geht, dann zieht auch er gehorsam in die Schlacht, nur ein Ziel vor Augen: „Dann kehr ich heim zu Frau und Kind, ich finde euch, wär ich auch taub und blind“, während eine Frauenstimme im Hintergrund säuselt: „Ich warte hier, bis du wiederkehrst.“ Einen solchen Soundtrack zu „Landser“-Heften hätten sich nicht einmal Rammstein je zu schreiben getraut oder ihn doch wenigstens in den ihnen eigentümlichen Humor verpackt, eine Eigenschaft, die dem beseelten und bekennenden Kämpfer Naidoo völlig abgeht. Besonders infam wird es jedoch auf „Wenn ich schon Kinder hätte“, einer Nummer, in der Naidoo allen körperliche Gewalt androht, die seine Kinder zu erziehen und zu „formen“ versuchten. Diese Kampfansage an staatliche Schulen erinnert mich an meine eigene Schulzeit, zu der eine Mitschülerin zwischen Elternhaus und Schule hin- und hergerissen war (ihre Eltern gehörten einer Sekte an und prozessierten eifrig, das Kind von der Schule nehmen zu dürfen, um es selbst erziehen zu können) und schließlich Selbstmord beging. In dieser pathetisch instrumentierten, von Harfen umspielten Musik, schrumpft der Himmel zum Kerker zusammen, menschliche Freiheit zu bedingungsloser Knechtschaft unter Gott und die patriarchalisch geführte Familie. Angesichts des Brother Keepers-Projekts, bei dem auch Xavier Naidoo mitwirkt, sind diese CDs absolut desillusionierend, nämlich vom Denken der Rechten gar nicht so weit entfernt.“

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