Welcome in Germany-eine NUK entsteht

Ein sehr bewegender Bericht von Shabnam Moafi Madani. 

„Die Bundeswehr kam. Hat in der Turnhalle der Grundschule für ca. 200 Menschen Betten aufgebaut und ist abgezogen. Inzwischen nichts Neues in ganz Deutschland. Wir Freiwilligen gehen hin, schauen uns die Situation an und fangen sofort an, tätig zu werden: Es entsteht eine Facebook-Gruppe, die Kleider- und Essensspende wird organisiert. Ein kleiner stickiger Raum wird für die Ärzte zur Notbehandlung eingerichtet. Die Flüchtenden sind zum größten Teil weder registriert noch krankenversichert. Ärzte und Krankenschwestern bieten in ihrer Freizeit Sprechstunden an. Es kommen freiwillige Dolmetscher für Englisch, Arabisch, Farsi…
Die Not der Menschen ist groß. Am allermeisten sind sie informationshungrig. Sie erzählen mir, dass sie schon einige Male – z.B. vom Hamburg nach Braunschweig und dann nach Berlin – in ein Zeltlager oder eine Sporthalle „deportiert“ worden sind. Ja, sie benutzen das Wort „Deportation“.
Die afghanischen Flüchtlinge haben extreme Angst, nach Afghanistan „deportiert“ zu werden, denn das wäre ihr Ende, ihr Tod, sagen sie mir. Sie wollen wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Vom LAGeSo bekommen sie keine Informationen. „Wie lange wird diese Prozedere dauern?“, fragen sie mich verzweifelt. Sie kommen auf mich zu und erzählen mir von ihren Sorgen. Einige haben unterwegs auf der Flucht die Mutter, den Vater, den Bruder, die Schwester oder das Kind aus den Augen verloren. Sie suchen sie verzweifelt. Einige finden im Nachhinein ihre Liebsten, wenn sie Glück haben. Aber ihre Liebsten befinden sich in anderen Städte oder anderen Unterkünfte. Sie können es kaum abwarten, sich wieder in die Arme zu schließen. Die Behörden und die Verwaltung arbeiten langsam. Sie können nicht zusammenfinden, weil sich keiner zuständig fühlt, die Familien zusammenzuführen. Ein Vater und seiner minderjährigen Tochter erzählen mir aufgeregt, dass ihr Boot im Meer gekentert sei. Der Vater und seine Tochter wurden gerettet. Die Mutter und die beiden Söhne waren nicht bei den Geretteten dabei. Sie haben damit gerechnet, dass die drei nun ertrunken sind. Aber jetzt haben sie durch Verwandte erfahren, dass die drei mit einem Hotelgutschein in ein Hotel in Schöneberg einquartiert worden sind. Auf meine Frage hin, ob sie sicher sind, dass es sich um die Mutter und den beiden Söhnen handelt, hat mich das Mädchen an die Hand genommen und hinausgeführt. Draußen vor der Tür dort standen sie, die Mutter und die beiden Brüder. Sie hatten, nachdem sie die Adresse unserer Turnhalle erfahren hatten, einen Mann in Schöneberg auf der Straße angesprochen, um zu fragen, wie sie denn dahin kommen können. Der Mann hatte sie dann persönlich dort abgesetzt.
Sie fragten, ob sie nun den Vater und die Tochter ins Hotel mitnehmen können. Ihre Augen leuchteten von den Tränen des Wiedersehens. Aber leider können sie noch nicht zusammen sein, weil alles seine „Ordnung“, die heute schon nicht mehr existiert, haben muss. Der Akt der Verwaltung ist ein steiniger. So sind der Vater und die Tochter noch in der Turnhalle getrennt vom Rest der Familie.
Unter den Flüchtenden gibt es viele, die Folter erfahren haben. Sie zeigen mir ihre Wunden. Ein junger Mann zeigt mir die großflächigen Narben auf seinen Armen, die man ihm im Iran zugefügt hat, weil man dort die Tätowierungen auf seiner Haut mit Schmirgelpapier und durch Verbrennen bis zum Fleisch entfernt hatte. Einige haben Schusswunden oder Wunden, die durch Explosionen entstanden sind. Explosionen, die gleichzeitig einige Mitglieder ihrer Familie getötet haben. Der Großteil der Menschen in der Unterkunft haben den gewaltsamen Tod naher Verwandter unmittelbar miterlebt, auch die Kinder, auch sie haben miterlebt, wie Menschen getötet werden.
Die Geschichten ihrer Flucht an sich sind auch Geschichten voller grausamer Erfahrungen und Erinnerungen.
Nichtsdestotrotz haben diese mutigen Menschen, die es zu uns geschafft haben, Wünsche und Hoffnungen. Sie wollen neu beginnen. Die meisten von ihnen sind hungrig nach der deutschen Sprache. Sie sind ungeduldig, endlich mit uns sprechen zu können und für sich und ihre Kinder ein neues Leben in Frieden aufzubauen. Ein etwa 14jähriges Mädchen aus dem Irak hat mir erzählt, dass sie sehr traurig ist. Nicht, weil sie so viel Leid erfahren hatte, nein, weil sie die Sprache noch nicht kann. Sie sitzt jeden Tag unten an der Treppe der Halle in dem provisorischen Raum, den die wunderbaren Helfer für die Kinder eingerichtet haben. Ein Raum ohne Fenster mit einer Gardine davor, trotzdem liebevoll mit zwei oder drei kleinen Stühlen, Mal- und Spielzeug ausgestattet. Dort sitzt das Mädchen ganz oft, bei ihr Menschen, die ihr Deutschunterricht geben. Sie saugt alles auf, jedes Wort. Dort sitzen auch sehr oft unsere Kinder aus dem Prenzlauer Berg. Sie spielen und sprechen miteinander. Für unsere Kinder eine immense Erfahrung jenseits der Grenzen des Prenzlauer Bergs, jenseits der deutschen und der europäischen Grenzen, in denen wir durch den Alltagstrott gefangen sind. Aber jetzt ist diese Welt bei uns angekommen.
Ich wollte euch hier davon berichten, weil ich die Sprache einiger Bewohner spreche und deshalb ihre Geschichten von ihnen persönlich höre. Die Arbeit, die wir Freiwilligen machen, ist von unermesslichem Wert. Sie bildet den ersten Schritt zu einer Transkulturalität in unserer Gesellschaft. Ich als ehemaliges Flüchtlingskind bin jedem von euch unendlich dankbar für euren gelebten Humanismus.“

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