Ein paar Gedanken zum linken Umgang mit der Querfront

Von Max Kraft (Quelle)

„In vielen Teilen der Linken, parteiförmig oder nicht, ist europaweit eine Tendenz zu beobachten, die zwar anders als die historische Querfront (noch) nicht unbedingt die offene Zusammenarbeit mit faschistischen Kräften sucht, aber Bruchstücke ihrer Ideologie übernimmt und die nationale Frage über die soziale stellt.

Die meisten Marxist_innen in der Partei Die Linke, ebenso wie viele internationale Beobachter_innen, gingen davon aus, dass die zentrale Bruchlinie, an der sich der Flügelkampf in der Partei entscheiden würde, die Zustimmung zu Kriegseinsätzen und allgemein die außenpolitische Positionierung sei. Diese katastrophale Fehleinschätzung hat dazu geführt, dass selbst diejenigen Genoss_innen, denen man beim besten Willen keine Nähe zu verschwörungsideologischem Gedankengut unterstellen kann, die Querfront um Lafontaine, Dehm und Co. als „kleineres Übel“ ansahen und sich stattdessen darauf konzentrierten, die Reformist_innen zu attackieren, die bereit waren, unter dem vermeintlichen „Sachzwang“ einer Regierungsfähigkeit entsprechende Positionen aufzugeben. Wie sich jetzt herausgestellt hat, ist die entscheidende Bruchlinie nicht der Antimilitarismus, sondern der Antirassismus – was eigentlich nicht überraschend ist, womit aber trotzdem außerhalb als „antideutsch“ verschriener Kreise kaum jemand gerechnet hat.

Kleiner Exkurs: Eines der zentralen Argumente für die begriffliche Trennung von Rassismus und Antisemitismus ist, dass der Antisemitismus im Gegensatz zum Rassismus nicht nur ein Hindernis, sondern eine direkte Konkurrenz zum Marxismus ist, indem er ein falsches Erklärungsmuster für Klassenverhältnisse anbietet und an die Stelle des Kapitalismus die jüdische Weltverschwörung, an die Stelle des einzelnen Kapitalisten den Juden an sich setzt.

Ähnlich verhält es sich mit der Querfront im Allgemeinen, für die Antisemitismus in unterschiedlichen Formen ja ein wesentlicher ideologischer Baustein ist: sie ist mehr als nur politischer Gegenspieler, sie tritt zu einer revolutionären Linken in unmittelbare Konkurrenz, da sie sich im Gegensatz zu reformistischen Kräften pseudoradikal inszenieren kann und so nach innen und außen als „linker“ Flügel von Bewegungen und Parteien wahrgenommen wird. Sobald sie damit einmal Erfolg hat, verhindert sie dadurch, dass sie schlicht dessen Nische besetzt, den Aufbau eines tatsächlichen linken Flügels weitaus effektiver, als das ein reformistischer Parteiapparat je könnte.

Noch dazu treibt diese Querfront, wo ihr nicht entschieden widersprochen wird, den reformistischen Kräften die Leute zu. Am deutlichsten wird das in der Partei Die Linke, wo junge Genoss_innen, die eine konsequente Haltung gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus einfordern, nicht selten schon aus Protest ins sozialdemokratische FDS eintreten, das zwar auch bereit ist, diese Grundsätze jederzeit den „Sachzwängen“ zu opfern, sich aber zumindest auf dem Papier keine groben Verstöße dagegen erlaubt.

Das alles heißt: wer ein Interesse an einer revolutionären Linken hat, muss an allererster Stelle die Querfront bekämpfen. Ihr gegenüber sind Reformist_innen das kleinere Übel – nicht umgekehrt. Jegliche Zusammenarbeit mit Gruppierungen und Personen, die auch nur in Ansätzen querfrontlerische Positionen zu vertreten ist auch auf Gebieten, die mit den jeweiligen Positionen nichts zu tun haben, zu unterlassen, Querfrontlerei innerhalb linker Organisationen muss ohne Wenn und Aber zum sofortigen Ausschluss führen. Von dieser Konsequenz sind wir leider weit entfernt.“

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