Was ist Identitäre Bewegung?

Von Antifa Kampfausbildung e.V.
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Am 11. und am 17. Juni sollen in Wien respektive Berlin Demos der Identitären Bewegung stattfinden. Im Zuge dessen klären wir in einer kleinen Serie über diese gewaltbereite, rassistische, fremdenfeindliche, sexistische, totalitäre – kurz faschistoide – Vereinigung auf. Der erste Teil gibt einen kurzen Abriss der Geschichte und beschäftigt sich dann mit den Inhalten und dem Auftreten der IB. Teil 2 beleuchtet dann die IB in Österreich und Teil 3 wird ein Recherche-Artikel über die IB in Berlin. Zusätzlich werden wir in loser Reihenfolge einen Glossar über rechte Begriffe veröffentlichen und diese erklären und einordnen.

Geschichte – wo kommt sie her und wie hat sie sich entwickelt?

Der Ursprung diesen Übels liegt in Frankreich und dem „Bloc identitaire“. In den Jahren 2002/3 als Nachfolgeorganisation der verbotene „Unité radicale“gegründet, erlangte diese Gruppe durch zwei Ereignisse im Oktober 2012 europaweite Aufmerksamkeit. Zum einen wurde das Video „Génération Identitaire“ und damit einhergehend eine Kriegserklärung an die Multikulti-Gesellschaft der 68er veröffentlicht. Zum anderen wurde eine Moschee in Poitiers besetzt – von 60-80 Personen. Angefixt davon hat sich auf Facebook aus einer Fangruppe des Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“ am 10. Oktober 2012 die Identitäre Bewegung gegründet. Ursprünglich nur ein reines Facebook-Phänomen hat sich die Gruppe vor allem in Österreich schnell verbreitet und wurde von verschiedenen Personen wie Stefan Juritz (Steiermark), Martin Sellner und Phillip Huemer (Wien), Alexander Markovic und Ruben Sudesch in örtlichen Strukturen aufgebaut. Schnell zog die IB Österreich viele junge Leute aus dem rechten Spektrum an und ist inzwischen neben der FPÖ die stärkste völkisch-nationale Kraft in Österreich.

In Deutschland konnte die IB sich nicht so schnell auf der Straße etablieren. Dazu ist das Netz an Burschenschaften, Kleinstparteien und Kameradschaften zu breit gefächert. Inzwischen nimmt die regionale Verbreitung aber stark zu. Für alle deutschen Regionen gibt es inzwischen Seiten und Verbände. Außerdem schließen sich immer mehr prominente Figuren aus der rechten Szene den Idis an. So ist Melanie Dittmer inzwischen Mitglied, hat den neuesten Fotos nach zu schließen auch Busenfreundin Ester Seitz vom gescheiterten Widerstand Ost West rübergezogen. Bei Legida am 6.6. hielt Tatjana Festerling auf der Bühne die Fahne der Identitären hoch. Bedingt durch das sehr gute Corporate Design und dem schlüssigen Medienauftritt ist eine beträchtliche Steigerung der Mitgliedszahlen zu erwarten.

Zur Einordnung der Wichtigkeit in Österreich kurz ein Facebook-Likevergleich (Stand 8.6. 16:00):

IB Deutschland: 25.287
AfD: 274.124
IB Österreich: 22.666
FPÖ: 69.650
IB Schweiz: 3035

Deutschland: 81.770.000 Einwohner
Österreich: 8.700.000 Einwohner

Was will die IB?

Die IB sieht sich selber als Teil der neuen Rechten. Das heißt, sie lehnen offiziell das traditionelle Auftreten und Gebahren der Neonazis ab. Es geht (zumindest nach außen) nicht um eine Rückkehr des Deutschen Reiches oder der Wiedereinführung des Nationalsozialismus. Dabei vermeidet die IB geschickt die Begrifflichkeiten klassischer rechter Gruppierungen und gibt sich unrassistisch. So wird sehr gerne der Begriff des Ethnopluralismus verwendet. So respektieren die Idis offiziell alle Kulturen und Ethnien und möchten, dass diese sich ihrer alten Traditionen und Bräuche bewusst werden und sich darauf berufen – aber bitte in ihrem ursprünglichen Gebieten. Auf deutsch: Die verschiedenen Völker und Stämme sollen gefälligst zu Hause bleiben und sich nicht vermischen. Deutschland soll deutsch sein, Polen polnisch und China chinesisch – so wie früher. Freie Entfaltung aller Menschen nach ihren eigenen Wünschen und ihrem Wunschort wird strikt abgelehnt.

Es wird explizit eine völkische Identität beschworen und diese als Idealbild dargestellt. Alle Völker haben demzufolge ihre eigene, traditionelle und unveränderliche Kultur. Dabei wird oft von einer tausend Jahre als Traditionslinie gesprochen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die offensiv präsentierte Islamfeindlichkeit. Neben Multikulti, der Antifa und einem unvölkischen Lebensstil ist der Islam der ausgemachte Hauptfeind der Identitären. Veranschaulicht wird dies unter anderem auch durch das Zeichen der IB, das Lambda. Dies ist ein Rückgriff auf das Zeichen der Spartaner im Kampf gegen die Perser. Diese Symbolik (und die des davon angeregten Filmes „300“) wird immer wieder benutzt. Ebenfalls sind die Idis dem Irrglauben des Umtausches anheim gefallen. Danach werden die Flüchtlinge bewusst nach Europa gelenkt und sollen die nationalen Identitäten auslöschen.

Ein wichtiger Faktor ist das Bild der „Festung Europa“. So sieht sich die IB auf eine völkische Art als pan-europäisch. Die europäischen Völker sollen ihre vermeintliche kulturelle Identität zusammen gegen den Feind von außen (gemeint sind Flüchtlinge und der Islam) verteidigen. Sie stehen für ein Europa – aber eines der nationalistischen Staaten. Dies ist ein klarer Gegensatz zur reichsdeutschen Großmannsucht vieler anderer rechter Bewegungen in Deutschland. Nach außen wirkt die IB dadurch auf den ersten Blick nicht rassistisch und fremdenfeindlich. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass sie dies nur mit neuen Begrifflichkeiten umformuliert haben.

Aktionsformen und Auftreten

Die IB bedient sich bewusst und geschickt beim aktuellen Zeitgeistes. So ist das Auftreten im deutschsprachigen Raum durch ein extrem gutes Corporate Design geprägt. Die Verwendung der Farben gelb und schwarz erzeugt eine Signalwirkung und springt sofort ins Auge. Es wird eine klare Formsprache verwendet und wenig bis gar keine billige Optik genommen. Das Zeichen der IB, das Lambda, ist dabei nicht nur eine Anlehnung an die Spartaner. Auch das SA-Zeichen in schwarz-gelb hat eine zu große optische Nähe, um von einem Zufall zu sprechen. In den sozialen Netzwerken fällt ein sehr bewusstes Posten von Beiträgen auf. Während viele rechte Seiten mit haarsträubender Grammatik und Rechtschreibung aufwarten, sind hier sprachliche Fehler extrem selten. Auch die Videos sind gut produziert und qualitativ hochwertig. Da können viele Mobivideos rechts wie links nicht mithalten. Und der Aufruf zur Demo in Wien wird in mehreren Sprachen vorgetragen – eine absolute Seltenheit, selbst bei Antifa-Videos. Unlängst ist sogar ein Rap-Track von einem Act namens Komplott online gegangen. Der ist zwar qualitativ absolute Grütze, dürfte aber seinen Zweck als gemeinschaftsbildende Hymne durchaus erfüllen.

Insgesamt versucht die IB sich einen zeitgemäß-intellektuellen Anstrich zu geben. So werden im eigenen Shop „Phalanx“ (wieder eine Anspielung auf die Griechen) nicht nur Klamotten angeboten. Es gibt auch Plakate und Sticker mit Zitaten rechter Philosophen und Autoren sowie zum Teil selbstverfasste Bücher zu kaufen. Ein Zitat von Nietzsche ist halt was anderes als ein Zitat von Holger Apfel. Dabei wird sich auch zeitgemäßer Sprache bedient. So gibt es durchaus mal ein „nais“ von Martin Sellner zu lesen. Einige Formulierungen könnten 1zu1 bei der Merkel-Jugend zu finden sein. Nur mit der exakt gegensätzlichen Zielrichtung. Der Shop wurde übrigens von den Sellner-Brüdern gegründet. Im Impressum wird Patrick Lenart mit einer Grazer Adresse als Unternehmer angegeben. Es ist aber zu vermuten, dass die Sellners direkt an jedem Verkauf mitverdienen. Zumal Martin Sellner auch ein Buch über diesen Shop vertreibt.

Es wird Wert auf politische Schulungen gelegt und gemeinsame Aktionen wie Feriencamps und Wanderungen organisiert. Dadurch wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und eine eigene Gruppendynamik geschaffen. Es werden auch Kampftechniken gelehrt und Wehrhaftigkeit trainiert. Wie qualitativ diese Ausbildung ist, ist schwer einzuschätzen. Ein veröffentlichtes Bild eines Trainings weißt allerdings mehrere Schwachstellen auf, die jeder halbwegs in den Kampfkünsten bewanderten Person sofort ins Auge springen. So wird das Handgelenk ungenügend fixiert und mit dem linken Bein müsste bei der Axelhöhle der Körper blockiert und der Arm am Schultergelenk gehebelt werden. So ein fehlerhaftes Promobild würde uns nicht unterkommen. Selbst wenn keine der abgebildeten Personen kämpferische Fertigkeiten hätte, würden wir sie so platzieren, dass dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Allgemein greifen die Identitären stark auf völkische Motive zurück. So wird ein starker Bezug zu Heimat und Natur hergestellt – daher auch die Wanderungen und Lager. Wer sich die Likes der IB-Seiten auf Facebook einmal anschaut wird sehr viele Natur- und Heimatseiten finden. Ebenso viele Pferdegestüte, Burschenschaften und völkisch-adelig angehauchte Seiten. Es wird eine angebliche deutsche Identität beschworen und sogar vermeintliche Regionalidentitäten ausgemacht. So ist die deutsche IB in regionale Gruppen unterteilt. Diese nehmen aber nicht die aktuellen Grenzen der Bundesländer, sondern ältere Grenzziehungen (siehe Bild). Neben den Schulungen, Wanderungen und sonstigen Seminaren werden oft Gruppentreffen, sogenannte Stammtische abgehalten.

Öffentlich in Aktion treten die Idis hauptsächlich durch geschickt gesetzte Propagandaaktionen. So wird mal Pfefferspray zum Schutz vor vergewaltigenden Flüchtlingen verteilt, dann wird ein Graffiti gesprüht, Türen von Organisationen der Antonio-Amadeu-Stiftung werden mit Stickern und Plakaten verziert und ähnliches. Am medienwirksamsten sind aber die Objektstürmungen. So wurden letztes Jahr zwei SPD-Büros gestürmt und dieses Jahr in Österreich einmal ein Parteibüro der Grünen und dann zwei Wochen später eine Theatervorstellung in Wien. Dabei kam es auch zu körperlichen Übergriffen. Vor kurzem machte der österreichische IB-Chef Martin Sellner mit Ankündigungen von Frauenhausbesuchen auf sich aufmerksam. Siehe dazu unser Beitrag:

Auch die Halal-Challenge geht auf die Kappe der IB. Seit einem Jahr lässt sich eine starke Frequenzsteigerung der Aktionen beobachten. So wird in Berlin im Schnitt pro Woche eine medienwirksame Aktion gemacht und auf der FB-Seite publik gemacht. Dies ist eine viel höhere Frequenz als sie andere, auch mitgliedstärkere, Gruppen vorweisen können.

Gefährlichkeit der IB

Wir schätzen die IB als bedenkenswert gefährlich ein. Im Moment ist sie eine Art moderne HJ und bedient bewusst ein jüngeres Publikum. Sie sucht die Abgrenzung zu den (klischeehaft) dummen Faschoglatzen aus den 90ern, die nur Bier saufen, Hitlergrüße zeigen und Andersdenkende ins Krankenhaus oder Grab befördern. Die IB sieht sich selbst als völkische Avantgarde, also als stylische Bildungsnazis. Es wird durch die intellektuelle Unterfütterung ein Überlegenheitsgefühl geschaffen, mit Kampftraining gestärkt und durch die Promoaktionen verankert. Die IB sieht einfach besser aus als viele andere Akteure im rechten Sektor. Das sie im Gegensatz zu ihrer öffentlichen Selbstdarstellung alles andere als friedlich ist beweisen ihre jüngsten Aktionen. Diese werden immer offensiver und haben nichts mehr mit friedlichem Protest zu tun.

Durch ihr exzellentes Corporate Design und den guten Auftritt in den sozialen Medien sieht die Prognose für eine weitere Verbreitung in Deutschland gut aus, in Österreich ist sie längst ein Machtfaktor und arbeitet mit der FPÖ zusammen. Vor allem auf Personen aus dem (Bildungs-)Mittelstand haben werden von dem Auftreten angesprochen. Wenn die Wahl zwischen Pegida (dumme Sachsen), der AfD (bäh, ne Partei), der NPD (alle viel zu dumm) und z.B. dem III. Weg (auch dumme Faschos) oder der IB besteht, da entscheide ich mich doch lieber für die coolen Kids. Deren Sprache und Auftreten ist elitär und das Gegenteil von stumpf. Korrekte Sache.

In den Zielen unterscheidet sich die IB aber gar nicht so sehr von anderen extrem rechten Parteien. Sie verpacken es nur besser. Im Moment mag das Wirken noch nicht explizit extremistisch sein, sie sehen sich aber selber als Phalanx, als erste Reihe der Verteidigung gegen die Invasion. Wenn zudem Personen wie Melanie Dittmer Mitglied sind, dann ist die Frage nach Gewaltbereitschaft und Radikalität schnell beantwortet. Daher ist der IB überall entschlossen entgegen zu treten. Nur weil sie nicht so dumm-gefährlich wie der klischeehafte NPD-Anhänger aussehen, heißt es nicht, dass sie weniger gefährlich wären. Eher sogar das Gegenteil.

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