Spielverderber: Über Patriotismus zur #EM2016

„Ja ich weiß. Ich bin ein böser böser Spielverderber, der es den Patrioten nicht gönnt, sich endlich einmal wieder unter dem Vorwand eines sportlichen Ereignisses an ihrem Nationalstolz satt zu essen, weil sie scheinbar sonst nichts anderes in ihrem Leben haben, worauf sie stolz sein können. Nun. In einem Land, in welchem immer noch regelmäßig ein wütender Mob marschiert, der Andersdenkende, ausländische und anders aussehende Menschen ausgrenzt und sie damit nicht als Teil der Nation ansieht, offenbart vielmehr über den Nationalismus, als über Fußball. Ich finde es gut, dass einige Fußballfans beispielweise ihr Profilbild bei Facebook ergänzt haben um den eingefügten Text „Die Mannschaft 2016“. Es drückt eben die Verbundenheit zu einem bestimmten Fußballteam aus. Anders jedoch das reflexhafte Schwenken der Deutschen Nationalflagge und das meist alkoholisierte unverständliche Gröhlen des Namens der eigenen Nation. Ja, fast schon so, wie ein Kranker, der ständig den Namen der Nation rufen muss, um diese nicht zu vergessen. Event-Patriotismus ist vor allem deshalb gefährlich, weil der in ihm aufkommende und liegende Nationalismus, der immer mit Ausgrenzung anderer zur Nation einhergeht, verdeckt gelebt wird und bei einigen erst entsteht, unter dem Vorwand eine sportlichen Großevents. Es ist nicht das erste Mal. Bereits 2006 feierte man am Ende nicht nur das Team, sondern vor allem die vermeintliche Errungenschaft endlich wieder „Stolz auf die eigene Nation“ sein zu können. Worauf man genau stolz war, das bleibt wohl ein Geheimnis. Etwa darauf, dass wir den größten Niedriglohnsektor in Europa haben? Etwa darauf, dass wir ein Schulsystem haben mit sechzehn unterschiedlichen Lehrplänen, was besser ins 19. Jahrhundert passen würde, als ins 21. Jahrhundert? Etwa darauf, dass wir bereits über 1000 Anschläge und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Asylbewerber hatten? Etwa darauf, dass über ein Viertel der Bundesbürger in einigen Jahren auf Altersarmut zusteuern wird? Etwa darauf, dass wir bei den Listen der Steueroasen weltweit einen Platz noch vor Panama einnehmen? Genau! GO Schland! Egal, ob es unter der Oberfläche brodelt, erstmal wieder deutsch fühlen und die tatsächlich notwendige Solidarität in unserer heutigen Gesellschaft über die nationale Verbundenheit suchen, statt über gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Kämpfe usw. Jedes Mal erhält man den Eindruck, dass an EMs oder WMs 82 Mio. Bürgerinnen und Bürger auf dem Fußballplatz stehen, wenn es dann heißt: „wir haben gewonnen!“ – wer ist wir? Der überbezahlte Kicker, der für die Gesellschaft deutlich weniger Mehrwert schöpft, als jeder Mensch in der Müllabfuhr oder Kanalsanierung? Wirklich? Brauchen wir sowas im 21. Jahrhundert? Warum wird das „Wir“ immer nur dann so hoch angesetzt, wenn es mit dem Wedeln einer nationalen Flagge einhergeht? Wo war das „Wir“ als Erzieherinnen und Erzieher gestreikt haben? Als die Lokführer gestreikt haben? Nein. Hätten die sich in eine Deutschlandfahne gewickelt, wer weiß: vielleicht wären die Streiks deutlich erfolgreicher.“
Von Matteo di Prima

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