Was wollte der englische Klassengenosse Sahra Wagenknecht mit #Brexit eigentlich sagen?

Von Jörg Prelle

„Mein linker Alltag.

XXI: Die Geschichte von den armen Engländern und den reichen Schotten.
Heute Morgen im DeutschlandFunk wusste S.Wagenknecht, was uns die britischen WählerInnen mit Ihrer Brexit-Entscheidung eigentlich vermitteln wollten: „Ein Signal der Armen gegen die neoliberale EU“. Mit einer ähnliche ’sozialen Emphatie‘  veredelten  Fraktionsvorstand und Parteivorstandsmitglieder der LINKEN die Brexitentscheidung nachträglich politisch. Außerdem – seien wir ehrlich – vergnügt es ja immer, wenn die europäische “Elite” mal richtig der Schreck in die Glieder fährt. 
Wenn man sich die Karte der Wahlergebnisse ansieht, fällt ja schließlich auch auf, dass die Schotten in ihrem wohl unermesslichen Reichtum mit ansehnlicher Mehrheit gegen den Brexit gestimmt haben, während die von ihnen ausgeplünderten Engländer entsprechend für den Brexit waren. Könnte man meinen. Wer allerdings schon mal durch Glasgow gegangen ist, der ist durch Zweifel angekränkelt und müsste sich fragen, warum ein armer Schotte in der EU bleiben wolle, während sein (vorwiegend betagter) ‚Klassengenosse‘ (vorwiegend aus der Provinz) in England dies genau nicht will. 
Es könnte sein, dass ihm bei dieser Überlegung ein Mann aus Trier einfiele, der behauptete, dass das Bewusstsein eben nicht einfach die Widerspiegelung der individuellen sozialen Lage ist, sondern dass eben auch  “Die Tradition aller toten Geschlechter wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden lastet”. Könnte es sein dass der englische ‚Klassengenosse‘ Sahra gar kein soziales Signal senden wollte, sondern einfach meinte, dass es früher besser war, als noch kein unaufgefordert immigrierter Pole, Slowake oder Rumäne ohne britische “Grenzsouveränität” einfach so herkommen kann, um mit dem Argument seines EU-Status‘ “von den Wohltaten der britischen Sozialsysteme” zu profitiere? Könnte es nicht sein, dass der Brexitfreund genau deswegen auch nicht ein “Soziales Europa” wollte, sondern beispielsweise sogar sowas wie die ‚Europäische Sozialcharta‘ aus vollem Herzen und mit vollem Bewusstsein ablehnt? Könnte es sein, dass er die Parole ‚Britain First‘ schließlich aus als das angemessenste Signal nach Brüssel empfand und auch furchtbar gerne so verstanden werden möchte? Zumal, wenn er vor dem rostigen Skelett einer mittelenglischen Werft steht in dem Vater, Groß- und Urgorßvater noch die stolzen Schiffe für “Britannia rules the waves” baute. Wenn damals ‚Britain First‘ England groß gemacht hat, warum sollte das seine Gültigkeit verloren haben. 
Es könnte ja sein – um darauf kurz zurück zu kommen – dass nun besagte Schotten überhaupt nicht reicher sind, sondern  aus den Erfahrungen ihrer “toten Geschlechter im Bewusstsein“ an der Urne ihrerseits ganz ganz andere Konsequenzen ziehen, als ihre englischen Klassengenossen. Würde jedenfalls der Mann aus Trier erwägen.  
Wir (zumindest einige von uns) wissen dagegen, was uns der englische Brexitbefürworter eigentlich signalisieren will: Ein sozialeres Europa. Das trifft sich gut, weil wir ‚zufällig‘ genau das auch wollen und immer auch schon gewollt haben. Das hat allerdings zwei Konsequenzen, die wir bereits gut aus der AfD-Diskussion kennen: zum einen entmündigen wir den Brexitgegner (als willenloses Opfer der Verhältnisse und neoliberaler Entsolidarisierungsideologie), zum anderen brauchen wir uns deswegen auch nicht mit dem, was er (fälschlicherweise) denkt und will offensiv politisch auseinanderzusetzen, sondern wir können ihn einfach politisch adoptieren – im Kampf gegen die “politischen Eliten”.   Wie überhaupt in der Auseindersetzung mit der AfD und dem europäischen Rechtspopulismus würden wir aber schnell auf eine sehr gefährlich schiefe Ebene geraten. Muss nicht sein – könnte aber sein.

Mag sein, dass ich mit folgendem Verweis übersensibel übertreibe (was aber der Sache dient): ich las gerade eine Biographie über einen ursprünglich Linken, eines linken Linken – was sage ich – eines geradezu rabiat linken Linken. Sein politisches Geschäftsmodell bestand dann zunehmend darin, eine Klassenanalyse durch das Schema “Wir  Unten – die herrschende Elite Oben!” zu vereinfachen; die Theorie durch das Ressentiment und die öffentlich-politische Auseinandersetzung durch “Die Aktion” zu ersetzen. Insgesamt also ein Feindbild des schnellen Punktsiegs in Krisenzeiten. 

Ach ja, es war eine kürzlich im Beck-Verlag erschienen Biographie Mussolinis.“

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