Mit 16 auf der Flucht

Von Martin Gommel

„Ich möchte, dass Du versuchst, Dich zu erinnern: Was hast Du im Alter von 16 Jahren gemacht? Ich jedenfalls war in einer Band, habe gekifft und die meiste Zeit mit meinen Freunden im Proberaum abgehangen. Die Schule war mir egal und ich war verliebt in drei verschiedene Mädchen.
Ahmadyari ist auch 16, doch er ist nicht zuhause bei seinen Eltern und fünf Geschwistern. Der junge Iraki floh auf eigene Faust, sein Vater hatte ihm erlaubt, das Land zu verlassen.
»Ich musste weg, denn ich hätte zum Kriegsdienst eingezogen werden sollen. Ich wollte aber nicht und deshalb war mein Leben in Gefahr«. So zog der Junge los und gelangte über Pakistan, Iran nach Izmir (Türkei) und setzte dort über.
In von seiner Muttersprache eingefärbten Englisch holt er weiter aus: »Das Boot von Izmir nach Lesbos war viel zu voll und wir hätten auf dem offenen Meer alle sterben können. Doch zurück ging nicht mehr, zuhause ist doch Krieg.«
Krieg. Sterben. Meer. Das alles klingt in meinen Ohren so weit weg, so abstrakt, so unnahbar. Und doch treffen mich die Worte Ahmadyaris direkt ins Herz – und je mehr er mir erzählt, desto klarer wird mir erneut, was es bedeutet, zu flüchten.
Dann fällt ein Wort, das mich sofort in die Vergangenheit zurückversetzt: Idomeni. Dort hielt sich Ahmadyari zwei Monate lang auf und wurde ob des üblen Wetters eine Woche lang krank – wie so viele Geflüchtete.
Seit ein paar Wochen darf er nun im besetzten »City Plaza Hotel« in Athen wohnen, gemeinsam mit drei anderen Jungs aus Afghanistan. Ahmadyari sehnt sich nach Deutschland, will hier nicht bleiben.
»Meine Tante leibt in Dortmund, zwei Cousins in Berlin und einer in Frankfurt.« Ob er jemals Asyl bei seinen Verwandten gewährt bekommt? Wieder erinnere ich mich an sein Alter.
Alleine auf der Flucht zu sein, das ganze Leben noch vor ihm muss unfassbar angsteinflößend sein. Mach es gut, Ahmadyari. Falls Deine Reise nach Deutschland führt, hoffe ich, dass Du nicht abgeschoben wirst. Dein Leben wäre wieder in Gefahr.
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Wenn Ihr wollt, dass ich weiter über Menschen wie Ahmadyari berichte, könnt Ihr mich gerne via paypal.me/martingommel oder Überweisung IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC KARSDE66XXX unterstützen. Ich danke Euch für Euer Vertrauen.“

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