Wer eine gerechte Gesellschaft will, darf kein Feigling sein oder Deutschland nach dem Spiel

Aus „aluhut für ken“

#Nationalismus #Polizei #Rigaer94 #Rassismus #Hamburg #Flora 
Wer eine sozial gleiche Gesellschaft will darf kein Feigling sein
Gastbeitrag von Zoe 
Donnerstag der 7. Juli 2016 war vielleicht nicht der günstigste Tag, um mit Freund*innen essen zu gehen, wenn man nicht in eine Kartoffel-Party geraten wollte. Ich tat es trotzdem. 
Ich freute mich, dass in dem Lokal viele Menschen zu sein schienen, die das Fußballspiel verfolgten, ohne sich dabei dem Nationalwahn zu unterwerfen. Aber als klar wurde, dass Deutschland verlieren würde, kippte die Stimmung einiger Nationalist*innen, sie versuchten mit den freundlichen Menschen, die nur das Spiel sehen wollten, Streit anzufangen. Allerdings ohne Erfolg. 
Wir verließen das Lokal, während sich die Straßen mit Fußballfans, Polizist*innen und hupenden Autos füllten. Um Massenansammlungen zu entgehen schlugen wir einen Weg ein, der eigentlich gut geeignet ist, sie zu umgehen. Diesmal leider nicht. 
Als ich erkannte, dass wir gradewegs in eine Personenkontrolle hineingelaufen waren, war es schon zu spät. Mir schossen die Bilder aus den USA durch den Kopf, als ich die Polizist*innen sah. Die Bilder vom schwarzen Mann, den sie einfach erschossen hatten. Ich musste auch an die Menschen in der Rigaer94 denken, die vom Innensenator Henkel zum Feind erklärt werden und der Willkür von Polizei und Staat ausgesetzt sind und an viele unerfreuliche rassistische Situationen, die ich mit 16 Jahren schon mit Polizist*innen oder beim “Check In“ in Flughäfen erlebt habe.
Aus einiger Entfernung konnte ich beobachten wie die “Kontrollen“ abliefen. Willkürlich wurden Fußgänger*innen, Auto- und Radfahrer*innen aus der Menge gezogen, angehalten und kontrolliert oder mussten einen Alkoholtest machen. 

Sehr willkürlich. Auffällig war sofort, dass die betrunkenen deutschnationalen Fußballfans verständnisvoll und mit Augenzwinkern von den Polizist*innen “abgearbeitet“ wurden, während arabisch aussehende Menschen besonders intensiv kontrolliert wurden. 
Aus gut 10 Meter Entfernung trafen mich die Blicke zweier Polizist*innen. Als schwarze Deutsche und aufgrund meiner für viele andere Menschen außergewöhnlichen Erscheinung, nichts ungewöhnliches für mich. 
Dieser Blick signalisierte mir, dass ich eine Entscheidung treffen musste und schnell eine Strategie brauchte. Was mache ich, wenn sie mich kontrollieren und von mir als Fußgänger*in einen “Alkohltest“ verlangen, als Schikane, wie sie mir wohlbekannt ist? Ich hatte keinen Alkohol getrunken. Ich hörte wie ruppig die Polizist*innen mit anderen Menschen sprachen, die „anders“ aussahen und die sie besonders aufdringlich kontrollierten. Allein ihr Ton war widerlich und ließ mich nichts Gutes ahnen.
Durften die Polizist*innen dies überhaupt? Welche klugen Argumente hatte ich? Wenn ich einen Konflikt auslöse, wieviele Menschen würden sich mit mir solidarisch erklären? Im schlimmsten Fall: wie schnell konnte ich telefonisch Hilfe holen und wie lange würden die Menschen brauchen, um zu mir zu kommen? Meine Freund*innen sind politisch unerfahren. 
Um uns herum sammelten sich immer mehr deutschnationale Kartoffeln. Ich sah mich um: waren hier überhaupt Menschen in der Nähe, die mir helfen würden? Würden sie schnell genug reagieren? Und ich war sehr unsicher, ob ich selbst erfahren genug war, einen Konflikt zu fahren, wenn ich mich z.B. der Schikane verweigerte und protestierte. 
Ich entschloss mich, – für den Fall, dass ein Alkoholtest von mir verlangt werden würde oder sonstige Schikanen erfolgten -, diesen zwar über mich ergehen zu lassen, aber Fragen zu stellen und die ganze Sache zu dokumentieren und den Konflikt später auszutragen. Unterwerfen wollte ich mich nicht. 
Dann waren wir auf der Höhe der Polizist*innen. Ich wich ihrem Blick nicht aus, ich lächelte nicht. Die Kontrolle traf nicht mich, sondern junge freundliche Araber*innen und ihr Auto. Während das Auto von den Polizist*innen gründlicher als es sein müsste kontrolliert wurden und sie sogar unter das Auto krochen, fuhr zum dritten mal hupend ein Auto vorbei, das komplett in den deutschen Nationalfarben lackiert(!) war. Obwohl der Fahrer aus dem Fenster pöbelte und der Beifahrer offensichtlich betrunken war, unterbanden die Polizist*innen das nicht. Genau diese Autofahrer*innen gehörten zu den Personen, die am Anfang der Kontrollen von den Beamt*innen mit einem Augenzwinkern durchgewunken worden waren.
Wir beobachten die Situation noch eine Weile und gingen dann weiter. Die meisten Menschen verhielten sich während der Kontrollen unterwürfig, ja geradezu obrigkeitshörig und übertrieben freundlich zu den Beamt*innen.
Damit die sozial gleiche, friedliche und freie Gesellschaft kein Traum bleibt, müssen die Träume den Horizont durchbrechen und jede/r, egal ob 16 oder 60, der radikalen Humanismus will, muss sich mit den weltweiten kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen und deren Auswirkungen auseinandersetzen. Ein Feigling, der sich nicht den kapitalistischen Realitäten stellt, wird nicht dazu beitragen die menschenverachtenden Zustände zu bekämpfen. Das ist, mal wieder, meine Lektion.

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