Dicke, mittelalte Männer!

Von Thomas Blum

Gestern, auf dem Heimweg, saß mir ein junger Mann gegenüber. Er war nüchtern, und er war sehr angespannt. Immer wieder öffnete und schloss, öffnete und schloss er seine rechte Hand, während seine Linke nervös die Oberkörpermuskulatur abfuhr. Er blickte auf, er blickte zu Boden, er warf den Kopf unwillkürlich zur Seite, er schnaubte. Nichts sagen, nicht kucken, dachte ich, das sieht alles nach Stress aus.
Kochstraße stieg ein leicht angesoffener, gemütlich aussehender mittelalter Mann ein, kuckte sich um und setzte sich zu uns in den Vierer. Während er durch uns durch wollte, zum Fensterplatz, fuhr die Bahn an, er strauchelte und stieg dem jungen Mann auf den Fuß. Der fing auch direkt das fluchen an, auf Türkisch, das Gesicht unverhältnismäßig verdreht, kurz davor, aufzustehen.
Der dicke, gemütlich aussehende Mann drehte sich überrascht zu ihm hin, zögerte kurz, streckte ihm dann die rechte Hand hin und sagte: Das tut mir sehr leid.
Der junge Mann zögerte, sah den anderen misstrauisch an, seine Mundwinkel zuckten nach unten, dann schlug er ein. Schon okay, sagte er, schon okay. Danach saß er bis Mehringdamm nur noch da, in sich gesunken, ein bisschen hilflos, ohne all die Aggressivitätsgesten von zuvor. Nur ein trauriger junger Mann. Als er ausstieg, lächelte der mittelalte, etwas dickliche Mann ihm zu und nickte; er hob kurz die Hand.
Ich habe etwas gebraucht, bis ich das alles verstand. Mir kam die Entschuldigung zunächst unverhältnismäßig vor, etwas drüber, unterwürfig auch. Aber es war ja sofort auch klar, dass es genau die richtige, angemessene Geste war, exakt das, was zu tun gewesen ist in diesem Moment, um aus dem wütenden jungen Mann einen traurigen jungen Mann zu machen.
Und ich dachte auch, dass der mittelalte Mann eben das gesehen hatte, die Trauer in der Wut, und dass er Mitleid hatte, mit allem, mit dem anderen. Nicht, weil er ihm auf den Fuß gestiegen ist, sondern insgesamt, weil das momentan eine Scheißwelt ist, an jedem Scheißtag eine neue Scheißkatastrophe, und wir eigentlich alle ständig mit zuckenden Augenlidern und geballten Fäusten durch die Gegend rennen müssten, weil das halt alles eine verdammte Zumutung ist. Die einen triffts mehr, die andern an einem andern Tag, und jeder hat gute Gründe, wütend zu sein.
Und dann braucht es so dicke mittelalte Männer, die mal kurz die Luft raus lassen, damit das aufhört, damit heute nichts über eine Ubahnschlägerei im Internet steht. Leute, über die man keine Artikel schreibt, nur pathetische Facebookeinträge. 
(Frédéric Valin)

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