Alles keine Antisemiten

Mit freundlicher Genehmigung von Alexander Nabert

Quelle: https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1136810163048456&id=100001584480463

Wenn es eine Gewissheit gibt, die alle Deutschen teilen, dann ist es jene, dass man persönlich kein Antisemit ist. Man wüsste ja schließlich, wenn man Juden hassen würde. Und Juden hassen, das geht gar nicht, zumindest, seit Opa tot ist, aber der ist schon ein paar Jahre tot, und selbst bei dem ist sich niemand so recht sicher, ob er wirklich Antisemit war, weil eigentlich war er ja schon ganz nett, beim sonntäglichen Kaffee und Kuchen. Fragen kann man ihn ohnehin nicht mehr, aber das würde man auch eh nicht, denn das würde vielleicht die Stimmung versauen, beim Kaffee, am Sonntag. Jedenfalls: Man selbst ist ganz sicher kein Antisemit. Man hat aus der Geschichte gelernt. Klar, man war schon ein wenig genervt vom Geschichtsunterricht in der Schule, die Noten waren eher so mittelmäßig, und nach der Schulzeit erzählt man gerne, dass man »praktisch nur Nationalsozialismus« im Geschichtsunterricht hatte, weil der »Geschichtslehrer so ein Fan von dem Thema war«, dass er es »immer wieder rauf und runter« dran genommen hat. Über die guten Jahre der deutschen Geschichte, das Kaiserreich, die Kolonialzeit und dergleichen, über die wurde fast nie geredet, schade, schade. Aber aus der Geschichte gelernt hat man trotzdem, man ist ja immerhin meistens hingegangen, in die Schule. Und deshalb weiß man ja auch so genau, dass man kein Antisemit ist. Man kann zwar ein Konzentrations- nicht von einem Vernichtungslager unterscheiden, den Antisemitismus nicht vom Rassismus, und Göring nicht von Himmler, aber das macht nichts, man ist fest überzeugt, dass man kein Antisemit ist. Antisemitismus liegt einem fern, woher soll der auch kommen? Hitler ist ja tot. Und Opa, Opa war schon fast tot, als man noch ein Kind war. 
Blöd wird es dann, wenn man mal von anderen Antisemit genannt wird. Oder man zumindest meint, dass andere einen Antisemit genannt haben. Dann ist die Entrüstung groß. Der Antisemitismus-Vorwurf, der ja mittlerweile zur Antisemitismus-Keule geworden ist, ist so haltlos und lächerlich, dass derjenige, der ihn erhebt, einen nur diffamieren will. Wahrscheinlich, um dunkle Machenschaften zu verschleiern und Kritiker mundtot zu machen. Deshalb weißt man Antisemitismusvorwürfe umgehend und mit aller Deutlichkeit von sich, es gibt keinen Grund, sich damit zu befassen, denn man weiss ganz genau, dass man kein Antisemit ist. Und damit auch alle anderen wissen, dass man kein Antisemit ist, liefert man Argumente. Selbstverständlich keine Argumente, die sich mit dem konkreten Vorwurf auseinandersetzen, sondern Beweise dafür, dass man schon als Person nicht geeignet für den Antisemiten-Stempel ist, da spielt keine Rolle, worum sich der Vorwurf dreht. Früher mal, da haben viele Leute gesagt, sie können keine Antisemiten sein, da ja einige ihrer besten Freunde Juden seien. Das war zu einer Zeit, zu der fast keine Juden mehr in Deutschland lebten, weil man sie gerade umgebracht hatte, aber es gab immerhin noch genug, dass jeder Nicht-Antisemit gleich »einige« unter seinen besten Freunden haben konnte. 
Eike Geisel spottete darüber mal mit dem Satz »Some of my best friends are german«. Doch mittlerweile sind es nur noch selten die vermeintlichen jüdischen Freunde, die man als Argument benutzt, kein Antisemit sein zu können. Zu abgegriffen klingt das. Man wird kreativer, stellt seine eigene, ganz persönliche Verbindung zum Judentum heraus, immer, um zu begründen, dass man kein Antisemit ist, denn man weiß, dass man kein Antisemit ist, und die ganze Welt soll wissen, dass man kein Antisemit ist. Da ist der greise Landtagsabgeordnete, der dicke Bücher geschrieben hat, in denen er die Protokolle der Weisen von Zion als glaubwürdige Quelle und das Judentum als inneren Feind des Abendlandes bezeichnet. Er ist kein Antisemit, meint er, weil die Uhr, die er an seinem Handgelenk trägt, ein Erbstück seines Vaters sei, der diese wiederum von einem jüdischen Geschäftsfreund kurz nach dem Holocaust geschenkt bekommen hatte. Ja potzblitz, so einer, denkt man sich dann, kann wirklich kein Antisemit sein, er trägt ja immerhin eine Uhr, die mal einem Juden gehörte, und das machen Antisemiten ja bekannterweise nicht. Gut, man könnte sagen, dass es in der Pogromnacht schon ein paar Deutsche gab, die jüdische Uhren ergatterten, aber die Zeiten sind ja vorbei. Da ist die Hochschulpräsidentin, die meint, sie könne keine Antisemitin sein, weil sie ihren Kindern ja jüdische Vornamen gegeben habe. Da ist die junge Journalistin, die Israel einen Mörder und die Israelische Flagge eine Verbrecherflagge schimpft, doch eine Antisemitin könne sie nicht sein, sie habe Judaistik studiert und Hebräisch gelernt. 
Und so wird es weiter gehen. Antisemiten sagen antisemitisches und wenn man ihnen vorwirft, antisemitisches zu sagen, werden sie sagen, dass sie keine Antisemiten sind, weil sie ihre eigene ganz spezielle Verbindung zum Judentum haben. Geisels Spott blieb ohne Wirkung: Aus den Jüdischen Freunden wurden der Jüdische Geschäftsfreund des Vaters, die Jüdischen Vornamen der eigenen Kinder, das Hebräisch-Zertifikat von der Uni. Und sobald man erst seine spezielle Verbindung zum Judentum bewiesen hat, muss doch auch dem letzten klar werden, dass man nun wirklich kein Antisemit sein kann, man hat ja immer hin irgendwie irgendwas mit irgendwelchen Juden oder irgendetwas Jüdischem zu tun. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir lesen, dass jemand nichts gegen Juden habe, da seine Seife aus Juden gemacht sei – ein Erbstück des Opas, mit dem man nie sprechen wollte. Wegen dem Kuchen, dem Kaffee, dem Sonntag.

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