Burka-Verbot: Vor dem Anblick des Fremden…

Von Michel Reimon

„Jetzt platzt mir der Kragen, jetzt schreib ich wirklich auch was zur Burka-Debatte. Ich lese gerade in einer deutschen Zeitung über eine Umfrage: „Mehrheit ist gegen Vollverschleierung“ – als ob das Kleidungsverbote rechtfertigen würde.
Was ist das Nächste? Mehrheit gegen jüdische Kippa? Mehrheit gegen Punks? Mehrheit gegen Vollbärte, Tätowierungen oder Beidlmattn?
Und? 
Ich bin Teil dieser Mehrheit gegen Vollverschleierung. Gegen die erzwungene sowieso, aber auch die freiwillige find ich falsch. Ein Gesellschaftsbild, in dem eine Frau selbst glaubt, sich anonymisieren und ent-individualisieren zu sollen, finde ich grundfalsch.
Deshalb soll ich sie zwingen, sich auszuziehen? Gehts noch?
Und die – meist von Männern und älteren Frauen der Familie – erzwungene Vollverschleierung? Das grenzt meiner Meinung nach an Nötigung. Aber dann ist der Täter der Mann oder das Familienmitglied. Okay, reden wir über Gesetze und Verbote und Strafen. Reden wir darüber, wie die Menschen zu bestrafen sind, die Vollverschleierung erzwingen. Werte Konservative und Rechtssozen, legt mir dafür mal einen intelligenten Entwurf vor, wie ihr das juristisch greifbar machen wollt, gern europaweit, und ich schau es mir an. Sowas habt ihr aber nicht. Es wäre wohl auch ziemlich schwer zu fassen, aber ihr versucht es nicht mal. Kleiner Hinweis: Der (österreichische) Nötigungsparagraf würde das durchaus jetzt schon erlauben.
Euch gehts nicht darum, die Frauen vor Zwang zu schützen, euch geht es darum, EUCH zu schützen: Vor dem Anblick des Fremden. 
Das ist eure Motivation.
Und die ist gefährlich. Die Umfragemehrheit soll beeinflussen, wer wie auf die Straße gehen darf, wer was am Strand anziehen darf? Umgesetzt von euch per Gesetz, kontrolliert von Sittenwächtern?
Ihr geht an die Substanz unserer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft, die ihr angeblich verteidigen wollt. So, wie ihr das anlegt, befreit ihr keine muslimischen Frauen – ihr schränkt unser aller Recht auf Freiheit ein. Und das regt mich gerade auf, ganz persönlich. Ich will auf den Straßen, Stränden und Bahnhöfen Europas tragen können, was ich will – ohne eure Vorschriften, Umfragen und Sittenwächter. Das ist mein Recht.
Ich will euch nicht gefallen müssen.
(Und die größte Ironie: Natürlich darf man jetzt schon nicht alles tragen, nämlich nicht nichts. Nacktbadeverbote gibts ja schon. Weil der menschliche Körper ja Sünde ist, gell? Bei einer nackten Muslima am Strand würds euch wohl komplett aushängen.)“

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