#brexit: Europa ohne…?

Von Robert Zion

Die britischen Inseln – England, Irland, Wales und Schottland – repräsentieren einen zentralen Teil unseres gemeinsamen historischen, kulturellen, politischen und philosophischen Erbes Europas.
Eine europäische Einheit und Union ist für mich ohne dieses Erbe unvorstellbar und ausgeschlossen.
Allein die Tradition aus Humanismus und Aufklärung von den Inseln. William Shakespeare ist nicht nur für die Entwicklung unserer Sprache ein Meilenstein, gemeinsam mit Niccolò Machiavelli ist er einer der ersten und bis heute beeindruckendsten Psychologen eines modernen, vollständig eigenverantwortlichen Menschen. 
Die Verankerung der Bill of Rights nach der englischen Revolution ist ebenso ein europäischer Wendepunkt, wie die Durchsetzung des Parlamentarismus und die Ideen der Gewaltenteilung und religiöser Toleranz bei John Locke. Und ohne den schottischen Aufklärer David Hume wäre Kant, wie er zugab, niemals aus seinem „dogmatischen Schlummer erwacht“. 
Selbst die klandestine, die untergründige Philosophie hat mit jemandem wie dem irischen Aufklärer John Toland einen seiner herausragendsten Vertretern von den Inseln. Toland übersetzte zu Beginn des 18ten Jahrhunderts Giordano Bruno, gab die Werke John Miltons und James Harringtons republikanische Utopie „Ozeana“ heraus, forderte bereits 1714 die bürgerliche Gleichstellung der Juden.
Die Idee der europäischen Einheit und einer europäischen Republik zur Schaffung eines „ewigen Friedens“ mag aus der französischen Aufklärung – von Saint-Pierre und Rousseau – stammen und erst von Kant bekannt gemacht worden sein, an zentraler Stelle wiederbelebt hat sie Winston Churchill kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten intervenierten zwei Mal auf der Seite Frankreichs gegen den deutschen Großmachtwahn, ab 1940, bis zum zum Kriegseintritt der USA und dem Überfall von Nazideutschland und seiner Verbündeten auf die Sowjetunion, war es allein Großbritannien, das in der Luft und in Nordafrika Hitler überhaupt noch Widerstand leistete – Stalin hatte zu dieser Zeit in einem Pakt mit Hitler Europa verdealt.
Die europäische Linke und vor allem die Arbeiterbewegung ist ohne die Tradition dort undenkbar und dies meint nicht nur Labour, sondern reicht selbst tief in unsere kulturellen Prägungen hinein. Bevor die populäre Musik vor allem über die USA zu einem reinen Kommerzphänomen wurde, waren es britische Musiker, die den schwarzen Blues aufgriffen und rhythmisierten: die Rolling Stones waren – wie Iggi Pop einmal sagte – „die Aristokratie des Proletariats“, Ozzy Osbournes Vater hatte sich in Brimingham noch zu Tode gearbeitet, er selbst als Junge in bitterster Armut in den von Görings Luftwaffe hinterlassenen Bombenkratern gespielt, mit drei anderen Arbeiterkindern aus Birmingham gründete er Black Sabbath und veränderte die Tonlage Rockmusik. Dann der Punk.
Der Ansatzpunkt für ein gemeinsames Europa und der Überwindung des „Furien des Nationalismus“ jedenfalls liegt, wie in anderen europäischen Ländern auch, auch bezüglich der Inseln im Aufgeklärten, Progressiven und Widerständigen und ist bei Weitem nicht nur politisch im engeren Sinne.
Diese Inseln haben sich nicht von Europa verabschiedet, nicht Labour und Corbyn haben sich verabschiedet, verabschiedet haben sich die von Frau May und Herrn Johnson repräsentierten konservativen und rechtspopulistischen Kräfte. Wie in den USA repräsentieren sie die politische und kulturelle Reaktion, sind sie Überreste des gesellschaftlichen und kulturellen Zerstörungsprojekts des Neoliberalismus, begonnen mit Thatcher und Reagan, von „links“ durchgesetzt von Clinton und Blair – und heute bei den Trumps und Johnsons endend.
Ob Shakespeare, David Hume oder John Toland, ob von polnischen Piloten gegen die Nazis geflogene Spitfires, ob die Stones, Zeppelin, Sabbath, die Sex Pistols und Joy Division, ob das „Together in peace, together in justice, together in humanity“ von Jeremy Corbyn und Labour – ich will als Europäer mein „England“ wieder haben!

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