Das fehlende Narrativ-eine Nachlese zum Desaster von Schwerin

Von Wilko Thessen Meyer

Ich finde diesen „wenigstens ist die NPD draußen“-Relativismus völlig unangebracht, als würden rechtsaußen Einstellungen unweigerlich an Parteien gebunden sein und nicht ohne diese  als gesamtgesellschaftliches Problem existieren. 21,6% in Mecklenburg-Vorpommern haben nämlich eine Partei, die AfD, wegen genau dieser menschenfeindlichen Scheiße, ebenjener rechtsaußen Positionen, gerade als zweitstärkste Kraft in den Landtag gewählt. 
Lasst dann auch bitte diesen geheuchelten Überraschungsmoment eines „wie kann das sein? SO unerwartet!“ gleich bleiben. Rund 1005 Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte im Jahr 2015, tausende Menschen mit fremdenfeindlichen Parolen auf den Straßen und dann wundert es, dass sich sich diese rechte Ideologie die für Steine & Brandanschläge auf Unterkünfte- und Geflüchtete und für Freital, Heidenau und Pegida verantwortlich sind im Wahlergebnis widerspiegelt? Also, ernsthaft? Und anstelle dann an genau dieser Ideologie kritisch anzusetzen & diese zu problematisieren wird dann entweder versucht ein klägliches Bild eines klandestinen guten, anderen, Deutschlands, dass es so nie gegeben hat, Lichtenhagen & NSU anyone (tut nicht so als wäre diese Pogromstimmung ein völlig neues Problem), zu zeichnen oder es wird sich dem Jargon und der Forderung der neuen Rechten angebiedert. Diese deutsche Zustände sind vor allem immer noch Deutsch und voller rassistischer menschenfeindlicher Ressentiments. 
Es wird von irgendwelchen Obergrenzen, eine populistische „wir können nicht alle aufnehmen“-Phrase die keine sein will, geschwafelt, Gesetze eingebracht die den Familiennachzug beschränken und eine Asylrechtsverschärfung nach der anderen durchgepeitscht & es wird abgeschoben. Noch immer wird Staats- und Polizeiversagen in den NSU-Untersuchungsausschüssen deutlich und noch immer gewinnen rechte Straftaten überhand.
Die Linkspartei hat bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern 6% und somit am meisten verloren und das vor allem auch weil sie sich uneins ist (zwischen Saarland und Thüringen liegen Welten), vor allem jedoch keinen Narrativ anzubieten hat der über anachronistische Ostalgie und einem nie wirklich konkretisierten Sozialismus als Utopie hinausgeht. Dabei braucht es gerade gegenwärtig einen neuen linksliberalen demokratischen Narrativ und den kann es nur mit der Linkspartei geben sofern sie denn möchte, denn die Situation ist festgefahrener und more fucked up als in den 90ern zwischen Lichtenhagen- und Kohlregierung. Schon die zur Ende der Kohlära war nicht besonders Geil. Aus der Euphorie des 27. Septembers 1998 ist zwar dann irgendwann Afghanistan-Krieg und Agenda 2010 geworden, aus …but alive dann Kettcar und aus Punk so etwas wie verschlafener Hamburger Sofarock, allerdings gab es gegen Ende der Kohlära zumindest noch so etwas wie einen, wie auch immer gestalteten, Mittelinksnarrativ in den Farben Rot-Grün wider der politisch schwarzgefärbten Einfalt der Kohl-Ära. Stellt euch jetzt mal vor es gibt eine ähnliche Pogromstimmung wie in den 90ern aber keinen solche Narrativ der so schlecht er auch sein mag und war wenigstens etwas Hoffnung auf Änderung versprüht. Willkommen in 2016, zwar wieder mit wütenden hörbaren Bands wie Kraftklub oder Feine Sahne Fischfilet, aber ohne wirksamer Erzählung & mit einer ähnlich verstaubten muffigen Bundesregierung. 
Am 2. September 1998 schrieb Ivo Bociz in der Jungle World „Kohl muss weg“, heute sind es vor allem Rechte die mit ähnlichen Slogans gegen eine Merkel-Regierung Stimmung machen die ihnen nicht Rechts genug ist während das gesellschaftlich linke Lager irgendwo zwischen gefühlter Ohnmacht und Defensive schwelgt. Dabei hat man eine wirklich linke Alternative zu Schwarz-Rot und Kanzlerinnenschafts Merkel irgendwie auch nicht parat & versucht irgendwo zwischen Lichterketten- und „Stadt bleibt Bunt“ (was sie nie war) Parolen das eigene Gewissen zu beruhigen, man hat ja wenigstens etwas getan selbst wenns nichts gebracht hat als nur an die Hände fassen mit Betroffenheitsgejammer inklusive. 
Aber bevor aus diesem „Fuck it all“ der letzten Monate eine Kapitulation vor deutschen Zuständen einhergeht, wird es endlich mal wieder Zeit für einen neuen linken Narrativ der die Erzählung einer Alternative zum Status Quo nicht denen überlässt die keine sind und die dieses Wort mit ähnlicher Aussagekraft im Namen tragen wie die DDR das Wort demokratisch. Nämlich mit gar keiner. Es gibt viel zu tuen, dafür müssten zunächst Altlasten über Bord geworfen, Barrieren abgebaut und miteinander gesprochen werden. Die Grünen sind wahrscheinlich nicht mehr im Landtag Mecklenburg-Vorpommern vertreten, die SPD verliert stetig bei so ziemlich jeder Wahl ebenso wie die Linkspartei, während bundesweit rechte Positionen erstarken. Die Schlussfolgerung dessen kann allerdings nur ein hinaus aus der elendigen Schockstarre ein Jahr vor den Bundestagswahlen sein. Das linke Parteienlager sollte an einer Alternative zur CDU-Tristesse und brauner Soße arbeiten die den Namen verdient und dieses Wording nicht den Menschenfeinden überlassen die nicht einmal den Namen verdient haben noch für irgendwas stehen als deutschtriefender Hetze, Geflüchteten- und Eliten- plus Europafeindlichkeit. Natürlich muss die AfD weiterhin kritisiert, delegitimiert und wo es nur geht politisch angegriffen werden, das ist ein wichtiger Schritt, doch nur mit eigenen Inhalten und Narrativen lässt sich einer Utopie einer angstfreien und offenen Gesellschaft entgegenkommen und bei aller Defensive darf nicht vergessen werden auch das am Ende einzufordern wofür wir eigentlich & immer stehen: wirklich undogmatische & linke Politik.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s