#Bautzen: Der Klang sächsischer Nächte

Von Jürgen Kasek

„Entmenschlicht in #Bautzen 
Vor einigen Tagen schrieb ich in Bezug auf Bautzen von einer „entmenschten Masse“. Gemeint war die gröhlende Masse, die mit üblen Beleidigungen hetzte. „Entmenschte Masse“ ist die Sprache die Viktor Klemperer in seinem LTI beschrieb. Es ist die dunkle Erinnerung an das dritte Reich. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Es zeigt, wie empfänglich auch die vermeintlich Guten für „das Böse“ sind. 
Bautzen ist abermals deutschlandweiter Schauplatz der geballten Menschenfeindlichkeit geworden. Der Kornmarkt genannt die „Platte“ ist ein Platz, wie es ihn in jeder Stadt gibt. Freies W-Lan einerseits und andererseits ein öffentlicher Platz, der auch zum gelegentlichen Alkohol trinken in Gruppen Beliebtheit genießt. 
Und wie auch in anderen Städten führt dies zu Konflikten. Trinker einerseits und lärmende Jugendliche andererseits und manchmal auch beides sind selten beliebt. 
So hatte die Situation sich aufgestaut. Nur mit dem Unterschied, dass ein Teil der Jugendlichen UMAS waren – unbegleitete Minderjährige Asylsuchende. 
Am Mittwochabend hatte sich die Situation entladen. Bereits Tage zuvor hatte die rechte Szene zum „Widerstand“ aufgerufen. Bautzen solle deutsch bleiben. Angefacht durch die rechten Vordenker und Wegbereiter durch den Sound von Kubitschek und AfD machte sich „das Volk“ bereiht für Ordnung zu sorgen. 
Als sich die Situation auf den Kornmarkt anstaute waren wenige Polizisten vor Ort. 80 Personen aus der rechten Szene standen 20 Geflüchtete gegenüber und die Polizei schickte diejenigen fort, die in der Unterzahl waren. Nicht alle Flüchtlinge ließen sich das gefallen, einige, nicht alle, setzten sich zur Wehr. 
Es war der Moment auf den die rechte Seite gewartet zu haben schien. Denn nun nachdem die Gewalt sich gezeigt hatte wurde zum „Widerstand“ übergegangen und die Rechten machten Jagd, liefen an der Polizei vorbei und hetzten die Geflüchteten zurück in ihre Unterkunft. Später wird man hören, dass ein Rettungswagen angegriffen wurde und die Polizei wird am Donnerstag erklären, dass die Geflüchteten angefangen hätten.
Für den Volkszorn war klar, was Viele immer schon wußten: Geflüchtete gefährden unsere Sicherheit. 
Am späten Donnerstagnachmittag entschieden wir uns nach Bautzen zu fahren. Einen Eindruck zu gewinnen und ein Zeichen für Menschlichkeit zu setzen. 
Die Erlebnisse der Nacht werde ich so schnell nicht vergessen. 
Es ist relativ spät, nach um acht, als wir in Bautzen ankommen. Wir sind in diesem Moment 30 Menschen, die sich durch die Bautzener Nacht schleichen, während oben am Kornmarkt Menschen Stellung bezogen haben: Schaulustige, Jugendliche, Bürger, organisierte Rechtsradikale, Hooligans. Einige von Ihnen, wird uns ein Journalist erzählen, sind bereits seit dem Nachmittag vor Ort und trinken Alkohol in rauen Mengen. 
Nachdem unsere Gruppe am Kornmarkt ankommt spitzt sich die Situation schlagartig zu. Eine Gruppe aus der Masse, die uns gegenübersteht ruft. „Hasta la Viesta Antifascista“. Eine andere Gruppe versteht nur das letzte Wort und fängt sofort mit dem Bewurf mittels Flaschen an, bevor sich auklärt, dass man eigentlich auf der selben Seite gegen die „Antifa“ steht. 
Die „Antifa“ besteht in diesem Moment aus zwei dutzend jungen Menschen aus Dresden und Leipzig, einigen Bautzenern und einer handvoll Politikern von SPD, LINKE und GRÜNEN. Abgeschirmt durch 90 Polizeibeamte. 
Was wir hören ist der Klang sächsischer Nächte: „Frei, sozial und national“ brüllt die Menge, „Lügenpresse“, „Ausländer raus“. Die Polizei wird danach von 300 Einheimischen sprechen gegen 25 Linke und das es ruhig geblieben ist. 
Verharmlosende Sprache einerseits und Zuschreibungen andererseits. 
Immer wieder kommen deutlich alkoholisierte und offensichtlich gewaltbereite „Einheimische“ in unsere Richtung, drohend, schreiend, beleidigend: „Judensau“, ist noch eins der freundlicheren Schimpfwörter in der Nacht. Vergewaltigungswünsche und Gewaltandrohungen folgen. Die Polizei lässt all das weitgehend gewähren. Die Stimmung ist pogrommartig. Die Menge ist in Rage und wenn jetzt der erste Stein fliegt, dann wird uns auch die Polizei nicht mehr schützen können. 
Später werden wir in enger Polizeibegleitung zurück zu den Autos gebracht. Währenddessen werden sich hinter dem Parkhaus 50 Rechte sammeln um die Abreise zu stören und andere Gruppen sich verabreden die Abreisenden auf der Autobahn anzugreifen. 
Nach alldem wird es vielleicht verständlich wie schnell die eigene Sprache und Wahrnehmung verrutschen kann. Aber es zeigt auch die Gefahr. 
Nein, wir dürfen uns nicht darauf einlassen. Auch rechte Menschen sind kein Dreck oder entmenscht. Wir müssen uns damit auseinandersetzen aber wir dürfen uns nicht ihrer Sprache annehmen. Denn mit der Sprache fällt die Menschlichkeit, obsiegt der Hass. 
Gewinnt der Hass, verlieren wir alle. 
In Bautzen gilt jetzt eine Ausgangssperre: sie gilt für die Geflüchteten. Der Bürgermeister, der noch im letzten Jahr eine flüchtlingsfreundliche Politik verteidigte, verhandelt jetzt mit dem „Nationalen Widerstand Bautzen“. Die Rechten haben gesiegt und unter allen Augen ist Bautzen auf dem Weg in eine national befreite Zone. 
Der Rechtsstaat hat versagt, wir haben versagt. 

Herbst in Sachsen, 2016, die Dunkelheit ist zurück.“

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