Es geht ums Ganze

Von Andrea Ypsilanti

Good Morning America -how are you?
Amerika hat gewählt und die Linke  ist geschockt. Nur wenige haben diesen Ausgang prognostiziert oder erwartet. Die Reaktionen sind – mit Verlaub – zwischen Betroffenheit und Zorn, politisch zumeist erbärmlich.

Nein, die Linke muss nicht noch einmal feststellen und erklären, dass Trump ein Rassist, ein Sexist, ein Betrüger, ein brutaler Kapitalist und ein Demagoge ist.
Nein, die Linke muss nicht erklären, wie furchtbar sie dieses Ergebnis findet, wie viele Gefahren drohen, wie verzerrend das amerikanische Wahlrecht ist und alles Weitere.

Die Linke, allen voran die europäische Sozialdemokratie,  wenn sie etwas verstehen will, muss sich die Frage stellen, was das für ihre eigene Politik bedeutet. In Europa und in Amerika. Und dies ohne falsche Rücksichtnahme.
Deshalb ein paar kritische Fragen:

Glaubten die Demokraten und die Hillary Clinton-Anhänger*innen wirklich, nachdem sie Sanders von vorne bis hinten blockiert, betrogen, beschimpft hatten, dass (gerade seine jungen) Wähler*innen, wie die Schafe brav dem Aufruf folgen, HC zu wählen?
Glaubt denn noch irgendjemand, dass es weiterhin möglich ist zu ignorieren, dass die Wähler*innen, die vielleicht mal links votierten, es sich gefallen lassen, dass die Eliten „ihrer“ Parteien in Amerika und Europa besser mit Bankern und Wirtschaftseliten können, als mit denjenigen, die sie auch zu repräsentieren beanspruchen: den Working Poor und den aus dem System Gedrängten?
Müssten denn die sozialdemokratischen Parteien nicht endlich begreifen, dass der sogenannte „kleine Mann“ und auch die „kleine Frau“ richtig die Schnauze voll haben, dass ihre Stimmen quasi „erpresst“ werden? Dass sie keine Lust mehr auf das „kleinere Übel“, auf den schlechten Kompromiss, haben – auch in der Frage der Kandidat*innen? 

 Ihnen ist es  nämlich scheinbar egal, weil sie sich bereits verachtet fühlen. Von der politischen „Elite“, die sich links (amerikanisch: liberal) nennt, aber seit zwei Jahrzehnten neoliberal handelt. Mit austauschbaren Namen. Blair, Schröder, Hollande usw.
Und  was erwarten wir noch von einer europäischen Sozialdemokratie , die schlicht unfähig ist, auch nur kleinste Machtfragen zu stellen, Ob es um Austerität, CETA oder TTIP oder Vorratsdaten geht? Immer wird erklärt, warum man gerade jetzt doch noch mal mitmachen muss. Bis die Trumps, Orbans, Le Pens und Wilders sagen, wir machen das. 
Will die  europäische Sozialdemokratie  lernen, muss sie diese Fragen stellen und keine belanglosen Mainstream-Antworten geben, muss sie wieder mutig und kritisch werden: Die Machtfragen stellen und benennen. 
Die Rassist*innen und Sexisten kann man nicht zurückgewinnen. Das sollte man gar nicht erst versuchen.

Aber man kann eine andere Gesellschaft wollen. Man darf „Unmögliches“ fordern. Man darf es sogar politisch realisieren.

Hätten sozialdemokratische Parteien nur im Kleinen Mut, könnten sie schon Zeichen setzen: Statt sparen, in Bildung investieren und Schulen sanieren. Statt Schuldenbremse die Verteilungsfrage stellen, die Frage nach Teilhabe. Die Utopie muss jedoch weit darüber hinaus gehen.
Entweder die europäische Sozialdemokratie kämpft, oder sie verliert weiter.

Darum geht es nach Trump. – Nicht um Krokodilstränen, nicht um Abscheu, nicht um Belehrungen.

Es geht ums Ganze.

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