Sind Nazis Monster?

Von Tom Schaffer

Ein Problem mit dem Geschichtsverständnis vieler Menschen heutzutage ist nicht, dass sie die NS-Zeit gut finden. Das tun tatsächlich nur die widerlichsten und dümmsten Menschen, eine kleine Gruppe. Das Problem viel größerer Teile der Bevölkerung ist, dass sie die Nazis als eine Art „Monster“ verstehen. Das hat fatale Auswirkungen auf das heutige politische Denken.
So wird es für viele Leute möglich, sich als aufrechter Anti-Nazi zu verstehen und heute trotzdem autoritäre, faschistische, nationalistische, rassistische oder allgemein menschenfeindliche Politik zu befürworten. 
Warum?
Ein Monster ist per Definition ein eingebildetes Wesen – eine unnatürliche, nicht reale, eigentlich unmögliche und grundschlechte Kreatur, die unerklärlich böse ist. Wenn man die historischen Nazis so versteht, vergisst man darauf, zu verstehen, warum sie möglich waren und wie sie sich im Alltag tatsächlich verhalten haben. Man versteht sie nicht richtig und kann sie deshalb heute nicht erkennen. 
Wer heutige Extremisten an eingebildeten Monstern misst statt ihren echten menschlichen Spiegelbildern aus der Geschichte, muss diese heutigen Extremisten im Vergleich ja als geradezu harmlos sehen. 
Die Logik geht so: Wenn einer nett reden und dabei freundlich lächeln und vielleicht noch lieb zu Vieherln oder anständig gegenüber seinen Mitarbeitern sein kann und Freunde hat, dann kann der doch kein Monster sein, also auch kein Nazi! 
Das Problem daran ist, dass viele Nazis auch nett reden und freundlich lächeln konnten und lieb zu Vieherln und anständig gegenüber ihren Mitarbeitern waren und Freunde hatten. 
Die Nazis waren keine Monster-Karikaturen, sie waren Menschen, die im Einzelnen und im Kollektiv monströse Dinge taten. Teils weil sie selbst nicht aufpassten, wohin sie sich entwickelten. Teils, weil andere nicht aufpassten, was für Gedanken und Menschen da an politischer Macht gewannen. (Und aus anderen Gründen.)
Nur wenn wir die Nazis als echte Menschen und die Menschen der 1920er bis 40er-Jahre als im Wesentlichen gleich wie uns selbst verstehen, können wir heute auch jene Menschen und Gedanken unter uns erkennen, die in 80 Jahren vielleicht als Monster gesehen werden. 
Und dann bleiben die und deren Taten hoffentlich eingebildet.

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