Broder und Sarrazin haben das gleiche „identitäre Gen“ 

Von Karl Kobs

„Derzeit regen sich ja wieder viele auf, dass man Henryk M. Broder und die „Achse“ in die rechte Ecke stellt. Doch ist das falsch oder irgendwie überraschend? Ich erinnere mich noch gut an die Debatte um Sarrazins Thesen im Buch „Deutschland schafft sich ab“ über die angeblich erblich bedingte Dummheit türkischer Schüler gegenüber Deutschen. Sarrazin: „60 bis 80 % der Intelligenz wird vererbt.“ Und da Dummheit mehr Kinder bekommt, ist Deutschlands Schicksal sozusagen besiegelt. 
Sarrazin zur Seite sprang damals Henryk M. Broder mit einem bemerkenswerten Text im Spiegel vom 06.09. 2010. Broder hatte nach einem Besuch auf Island erfahren, dass die Ponys dort im Gegensatz zu allen anderen Pferden einen zusätzlichen Gang im Getriebe haben, nämlich den „Tölt“. Kein Isländer käme auf die Idee, so Broder, daraus eine Rassismus-Debatte zu machen. Und so sei es auch mit den Juden und den Armeniern, die einfach mit dem Alphabet besser umgehen könnten. Broder: „Alles zusammen kann man „Identität“ nennen. Man kann aber auch „Gen“ dazu sagen. Und wenn Armenier, Isländer und Juden ähnliche „Gene“ haben, dann ist das keine rassistische Feststellung, sondern nur ein Hinweis darauf, dass ähnliche Lebensumstände im Lauf der Zeit zu ähnlichen Ausprägungen führen.“ 
Nun war es dummerweise so, dass die in Zürich lehrende Wissenschaftlerin Elsbeth Stern, auf die sich sowohl Sarrazin als auch Broder bei ihren abenteuerlichen Gen-Thesen beriefen, sofort heftigst widersprach und durchblicken ließ, dass die beiden Herren wohl ihren komplexen Forschungsansatz nicht richtig verstanden hätten. Damit hätte man eigentlich die Akte schließen können: Es gibt keinen Beweis, dass Intelligenz neben den üblichen Verteilungsvarianzen in der Standardabweichung vererbt wird. Sorry, Juden sind leider nicht intelligenter als Türken, was die Gene anbelangt. Und Broder und Sarrazin schon gar nicht, wie ihr fehlendes Vermögen, wissenschaftliche Texte richtig zu lesen, noch einmal nachdrücklich beweist. Fall erledigt. Tagesordnung!
Doch Broder lässt bei seiner identitären Bestimmung der armenisch-jüdisch-isländischen Gene zu Höherem nicht locker. Vor kurzem zitierte er einen im Grunde harmlosen Zeitungstext über das vermehrte Aufkommen von Parasiten in Flüchtlingsheimen. Man hätte dazu was aus medizinischer, sozialer oder politischer Sicht schreiben können, aber Broder fällt nur eine Überschrift ohne Kommentar ein: „Wir bekommen die Krätze geschenkt“. Wer ist Wir? Wir Deutschen? Juden, Armenier und Isländer? Ich überlasse es den Psychoanalytikern die Frage zu beantworten, warum ausgerechnet ein Jude eines der dumpfesten Ressentiments bedient, die früher nur für die Juden und „Zigeuner“ reserviert waren. Aber sich aufregen, wenn Werbetreibende jetzt ihr Geld woanders hintragen …“

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