Die Schande des Oberstudienrates 

​Bundesrichter Thomas Fischer über Höckes Rede – wie immer ein unterhaltsamer Text in „online-untypischer“ Länge.

Kurze Ausschnitte:
„Früh begann sein hartes Los: Herr Höcke ist ein „Vertriebener“, und ein Heimgekehrter zugleich. Vertrieben waren allerdings nur seine Großeltern, und heimgekehrt ist er selbst nach einer Weltenreise von immerhin 300 Kilometern von Lünen über Anhausen und Gießen nach Bornhagen, einem Örtlein von 302 Einwohnern im Bezirk Hanstein-Rusteberg. Dort, so sagte Herr Höcke umbrandet vom Jubel der Dresdner Patrioten, habe er sich vorbildlich in die Thüringer Population integriert.

Zwei Semester Jura haben ihm in der Jugend gereicht, um an der Verderbtheit des deutschen Rechtssystems (oder der Unbegabtheit zum Studium der Rechte) zu verzweifeln.“

[…]

„Björn Höcke ist ein Politiker. Die meisten Mitbürger mögen ihn nicht, manche mögen ihn. Ich kenne ihn nicht. Er schreit auf irgendwelchen Bühnen herum, wird bejubelt von Menschen, die sich (vermutlich zu Recht) verdummt und verdammt fühlen, aber (zu Unrecht) auf ganz fern liegende Weise. Und er hat große Freude daran, die Beschränktheit seiner Zuhörer als Bestätigung seiner eigenen Intelligenz umzudeuten. Wenn Herr Höcke zum Beispiel schriee: Das deutsche Volk muss aufstehen gegen die Vergiftung durch arabische Kichererbsen, so würde sich das auf keinen Fall gegen Arabien oder gegen die Kichererbse richten, sondern einzig und allein gegen die Lebensmittelvergiftung. Auf diesem intellektuellen Trick-Niveau, liebe Leser, ist die von Höcke angekündigte Weltrevolution leider angesiedelt.“

[…]

„Das Tragische und Alberne an Höcke ist daher nicht, dass sein dumpfes Gefühl der Verlorenheit und Verratenheit falsch ist. Wir wollen ihm auch nachsehen, dass er Reden der Vergangenheit zu imitieren sucht, obgleich er nicht mehr zustande bringt als sorgsam an Genauigkeiten, Tatbeständen und Verantwortungen vorbeizureden. Wir kennen das von Rechtsradikalen seit 70 Jahren: Wortfetischismus, Oberschlauheit für Doofe, Verachtung von Verantwortung. Die unten stehen und das Geschwätz jubelnd für bare Münze  nehmen, sind vorher Opfer, dann Werkzeug und im Nachhinein wieder Opfer. Und haben doch immer nur das Gute gewollt, auch wenn das für die anderen manchmal hart werden musste. So tut das liebe deutsche Volk immer wieder seine Pflicht an der Welt: Die Massengräber der letzten großen Pflichterfüllung liegen noch vor unseren Augen, da jubeln liebe Volksgenossen schon wieder, wenn Flüchtlingsheime brennen.
Wir nehmen dem Oberstudienrat übel, dass ihm nichts Anderes entweichen will als die warme Luft des Ressentiments gegen solche, die vermeintlich noch tiefer stehen. Hätte er auch nur ansatzweise den Mut, den er für sich in Anspruch nimmt, forderte er Rechenschaft von denjenigen, die ohne Skrupel die Welt zu einem globalen Ort der Bereicherung der Milliardäre gemacht haben. Stattdessen stellt er sich samt seinen Kumpanen an die Spitze eines traurigen Haufens von Globalisierungsverlierern, die heim ins Reich ihrer Mutterbäuche streben und dafür alles niedertreten wollen, was noch schwächer ist als sie. Nicht zufällig übrigens mit besonderem Erfolg im Osten Deutschlands: Die Vokabeln des vermeintlichen Volkstums und der naturgesetzlichen Gewalt sind dort allesamt noch verfügbar. Die Schande des Oberstudienrats aus Lünen und seiner Genossen ist es, dies für das eigene Fortkommen zu benutzen und Menschen aufeinander zu hetzen, statt ihnen die Wahrheit zu sagen.“

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/populismus-bjoern-hoecke-rede-holocaust-mahnmal-fischer-im-recht/komplettansicht

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