„Über Erika Steinbach lachen wir, Machmut Abbas nehmen wir ernst“

aus gegebenem Anlass:
>>Die Fatah stellt unannehmbare Forderungen. Ein allgemeines Bekenntnis zu zwei koexistierenden Staaten ist wertlos, wenn zugleich das Recht zur vollständigen Rückkehr aller vertriebenen Araber in das israelische Kernland verlangt wird. Da sich diese Forderung auf die seit Jahrzehnten in den Auffanglagern lebenden Menschen bezieht, denen, mit Ausnahme Jordaniens, alle arabischen Nachbarstaaten die Staatsbürgerschaft verweigern, wodurch das Flüchtlingsproblem vorsätzlich am Leben gehalten wird, hat sich die Zahl der Flüchtlinge seit dem Gründungskrieg von 700.000 auf ca. 5 Millionen vermehrt. Da man den Status der Heimatvertriebenen als erblich betrachtet, ist die kuriose Lage entstanden, dass Millionen Menschen die Rückkehr in Dörfer fordern, in denen sie nie gelebt haben und die oft schon vor langer Zeit planiert wurden. Was selbst hierzulande als vollends abwegig gilt, wird bezogen auf den Nahen Osten als Grundrecht verstanden. Wir lachen über Erika Steinbach; Mahmud Abbas nehmen wir ernst.

Wie immer man allerdings diese Sonderbehandlung der arabischen Flüchtlinge bewertet, die natürlich nichts anders ist als die ins Positive gekehrte Sonderbehandlung der Juden im Antisemitismus – die reale Folge eines durchgesetzten Rückkehrrechts wäre ein Zustand, in dem neben einem rein arabischen Staat Palästina ein Staat Israel existierte, worin die Araber die Bevölkerungsmehrheit halten, was, wenn man es zu Ende denkt, auch nichts anderes als eine moderat geformte Forderung nach der Vernichtung Israels ist. Alle anderen Streitgegenstände – die Siedlungsfrage , die Frage der Bewaffnung und ökonomischen Selbständigkeit, die Frage des Grenzverlaufs und selbst die Jerusalemfrage – sind verhandelbar und lassen sich modellhaft denken. Die Flüchtlingsfrage nicht.

Genau diese Forderung aber wird von den Gutgesinnten in Europa als gemäßigt und verhandlungsfähig bezeichnet. Sie, die nie auf den Idee kämen, die Rückkehr der um 1948 gleichfalls vertriebenen Juden zu fordern, sie, die im Anblick der Siedlungsfrage bereits der Gedanke einer jüdischen Minderheit in palästinensischen Gebieten schreckt, fordern von Israel, über die Bedingungen seiner Auflösung zu verhandeln. Der Extremismus der Fatah wird hoffähig, weil ein rabiaterer Extremismus der Hamas rechterhand alles andere in den Schatten stellt. Dabei sind die Positionen des Mahmud Abbas mehr oder weniger äquivalent denen der israelischen Rechten, z.B. Naftali Bennetts, der ja in der Annexion der C-Zone, also von ca. 60% des Westjordanlands, eine dauerhafte Lösung sieht. Die ganze Asymmetrie des arabisch-israelischen Konflikts wird in diesem Vergleich unmittelbar anschaulich, denn man sieht, dass das, was auf der israelischen Seite als extrem gilt (und bezogen auf das israelische Spektrum auch ist), dem entspricht, was auf der palästinensischen Seite für gemäßigt genommen wird. Ein israelisches Pendant der Hamas existiert nicht.<<
(Odysseus wär zu Haus geblieben. Berlin 2015, S. 242f.)

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