Abschiebung: Warum ist die Würde des Menschen antastbar? 

Von Björn Uhde

Menschen müssen menschlich bleiben 

Abschiebestopp Afghanistan/Abschiebung nach Nepal 


Sehr geehrte Damen und Herren,
Die fast zeitgleichen Abschiebungen eines 21-jährigen Afghanen nur einen Tag nach einem Bombenanschlag mit 90 Toten in Kabul unter massivem offensichtlichem Gewalteinsatz an einer Berufsschule in Nürnberg und die einer 14-jährigen Duisburgerin nepalesischer Herkunft in das für sie unbekannte Heimatland ihrer Eltern – ebenfalls direkt aus der Schule, unter Inkaufnahme einer Traumatisierung der Mitschüler und des Lehrpersonals -, macht mich völlig fassungslos. Hier werden Menschen durch den deutschen Staat einerseits bewusst in akute Todesgefahr gebracht, was gegen Artikel 1 des Grundgesetzes (“Die Würde des Menschen ist unantastbar”) steht, andererseits in völlig unbekannte Länder abgeführt. 
Einen jungen Menschen, der auf bestem Wege ist, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren, der unsere Schulen besucht und unsere Sprache spricht (oder dabei ist, sie zu lernen) aus dem geschützten Umfeld “Schule” herauszureißen und in eine lebensgefährliche Situation zu bringen, ist vollkommen verantwortungslos. Es ist unmenschlich, zynisch und barbarisch. Daß man deutschen Mitschülern, die von der Maßnahme schockiert sind und sie friedlich verhindern wollen, dann noch gewalttätig mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegenübertritt und beides einsetzt, schockiert maßlos. 
Die Abschiebung der Duisburgerin – ebenfalls direkt aus dem schulischen Umfeld – ist daneben fast noch erschreckender. Dieses Mädchen ist hier in Deutschland geboren worden. Sie spricht perfektes Deutsch. Ihre Eltern waren/sind mit einem Sushi-Restaurant in Duisburg selbstständig. Das Asylverfahren der Eltern begann vor der Geburt der 14-jährigen. 
Ich bin mir sicher, es ist nicht nur mir unbegreiflich, wie eine solche Familie über eineinhalb Jahrzehnte im Asylverfahren festhängen kann und schlussendlich sogar abgeschoben wird – zahlen sie hier doch Steuern, führen ein Restaurant selbstständig, sprechen fließend Deutsch und müssten vor dem deutschen Staat damit doch als mustergültig integriert gelten. Wenn nach dieser langen Zeit und dieser Integrationsleistung am Ende die Ablehnung der Härtefallkommission steht, ist das meines Erachtens verfassungswidrig. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit wird hier effektiv unmöglich gemacht, inwieweit eine Abschiebung eines in Deutschland geborenen Menschen in ein völlig unbekanntes elterliches Herkunftsland mit der Würde des Menschen in Einklang zu bringen ist, ist mir schleierhaft. 
Wenn nach der Durchführung der Abschiebung traumatisierte deutsche Kinder und Jugendliche in der Schule zurückbleiben, die emotional völlig zerstört sind und Notärzte sowie seelsorgerische und kirchliche Betreuung benötigen, stelle ich mir die Frage, ob Bundesinnenminister de Maizière hier nicht in vorauseilendem Gehorsam AfD-Abschiebepolitik exerziert (sein Wahlkreis liegt ja in Meißen in Sachsen und die Bundestagswahl vor uns). 
Diese Haltung ist weder christlich noch konservativ noch sozial noch modern noch genügt sie irgendwelchen sicherheitsrelevanten Aspekten. 
Diese Haltung ist schlicht widerlich. 
Sie verletzt mein Selbstverständnis als Deutscher und den Wertekanon dieser Republik, den wir 70 Jahre bewusst in Abgrenzung zur Naziherrschaft aufgebaut haben. Sie ist ein Schlag ins Gesicht der 6 Millionen Deutschen, die sich teils aufopfernd in der Flüchtlingshilfe engagieren und oft sogar Menschen bei sich zuhause aufnehmen, um ihnen ein sicheres soziales Umfeld zu bieten – wohl wissend, daß das auch für sie selbst nicht immer einfach ist. 
Wer denkt, er könne unter dem Label “christlich-demokratisch” AfD-Politik zum Entsetzen Deutscher durchexerzieren, ist für höhere Ämter in dieser Republik völlig ungeeignet. Ebenso sind es die, die das zulassen, sowohl in Regierung und Parlament. Auch meine Partei, die SPD, sollte sich hier fragen, ob das vereinbar mit dem eigenen Wertegerüst ist. 
Politik ist Verantwortung zum Wohle der Menschen. In diesen beiden Fällen kann ich das nicht annähernd ausmachen. 
Wer Attentäter wie Anis Amri mit 16 Identitäten und mehreren deutlichen Hinweisen nicht stoppen kann, eine erfolgreiche Integration aber schon (die gemeldeten Asylbewerber waren ja auch deutlich leichter zu finden), versündigt sich an den republikanischen Werten dieses Landes und legt Feuer an Modernität, Weltoffenheit und Gastfreundschaft. Integration wird zur Worthülse und Nullaussage. Und ja: es erinnert einen sehr an Deportationen.
Stoppen Sie sofort alle Abschiebungen nach Afghanistan. Holen Sie die Duisburgerin aus Nepal zurück. Als Deutscher erwarte ich das von Ihnen. 
Menschen müssen menschlich bleiben.
Mit freundlichen Grüßen

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