#G20-Nachlese: Die Angst vor der entfesselten Polizei 

Black Mosquito: Bericht einer zu Hause – Gebliebenen 
Auch die Perspektive derer, die die Ohnmacht daheim vor den Bildschirmen erleben mussten, soll Gehör finden – denn die psychischen Schäden der entfesselten Polizei in Hamburg treffen auch sie.

„Ich habe gelernt wie sich Angst anfühlt. Ich spreche nicht von der Angst um mich selbst, sondern von der Angst um andere Menschen. Der G20-Gipfel fand statt und damit einhergehend auch die Proteste. Ich positioniere mich klar gegen den Gipfel und wäre eigentlich gerne in Hamburg dabei gewesen, um meine Meinung auch deutlich zu zeigen, ich konnte allerdings nicht nach Hamburg fahren. Also bin ich zu Hause geblieben, während meine Freund*innen und Bekannte zu den Protesten fuhren. Bereits zuvor dachte ich mir, dass ich mir Sorgen machen werde. Doch am vergangenen Wochenende habe ich mir nicht nur Sorgen gemacht, ich hatte Angst. Angst um das Leben von Menschen – und spätestens als die Meldung von dem Warnschuss kam, wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Später häuften sich die Meldungen und Fotos von schwerst bewaffneten Cops, die Straßen absperrten, oder vor Häusern standen und sie stürmten. Und ich saß zu Hause und wusste nicht, wie es den Menschen, die da sind, geht. Ich wusste nicht, welche Personen verletzt sind. Ich wusste hingegen, dass noch Materialien für die Versorgung von Verletzten gebraucht wurden. Diese Angst, in die sich die Wut über die massive Gewalt von Seiten der Cops und die einseitige Berichterstattung vieler Medien mischte, wurde begleitet von einem Gefühl der Hilflosigkeit. Denn ich konnte nichts tun außer mir die Bilder und Berichte anzuschauen.

Ich freue mich über jeden Menschen, der un- oder nur leicht verletzt nach Hause kommt. Doch das ist nur der physische Teil. Denn die unsichtbaren psychischen Wunden, die zum Teil noch Jahre nachwirken können und genauso schwer wiegen, wie die physischen, werden nur wenig bis gar nicht beachtet. Viele meiner Freund*innen und Bekannten sind nach Hause gekommen und ich merke wie dieser Gipfel etwas mit ihnen gemacht hat. Ich merke wie schwer das Erlebte nachwirkt und wie groß der Bedarf ist zu reden. Ich führe Gespräche so gut ich es kann, doch ich weiß nicht ob das reicht. Ich sehe Menschen, die eine traumatisierende Situation erlebt haben, in der sie versuchten Menschen zu helfen und dabei von schwerbewaffneten, vermummten Cops überrannt werden. Diese Menschen sind verändert zurückgekommen und ich kann sie zum Teil kaum wiedererkennen. Ich habe das Gefühl, dass ein anderer Mensch vor mir sitzt. Ich schreibe diesen Text, weil ich das nicht mehr wortlos hinnehmen kann. Ich kann es nicht wortlos hinnehmen, dass Menschen traumatisiert werden und im nachhinein nichts davon berichtet wird. Merkel fordert eine Entschädigung für die Cops im Einsatz. Für die Cops also, die gewalttätig waren. Für die Cops, die andere Menschen verletzt und traumatisiert haben. Es wird den Cops gedankt, die bewusst Menschen verprügelt und dabei schwerst verletzt haben. Die ihr Pfefferspray oftmals wahllos in die Straßen gesprüht haben, um Menschen zu verletzten. Ich frage mich wie das sein kann und finde keine Antwort; außer, dass es in ein Bild von Staat und Politik passt, in dem jede Form von Protest und Kritik im Keim erstickt werden soll. Es wird nach Gerechtigkeit geschrien und ich frage mich, wo diese Gerechtigkeit bleibt, wenn nicht einer dieser Cops für seine Gewalt verantwortlich gemacht wird. Ich sehe traumatisierte Menschen und ich frage mich, wer diese Menschen überhaupt nur wahrnimmt, von einer Entschädigung ist gar nicht die Rede.

Ich habe noch etwas gelernt an diesem Wochenende, es ist wichtig, dass wir nicht allein sind und das Erlebte zu erzählen. Im Anschluss an dieses Wochenende habe ich für mich eine „Aufgabe“ gefunden, die darin besteht mit den Menschen zu reden und sie darin zu unterstützen das Erlebte zu verarbeiten. Denn uns kann nur die eigene Struktur auffangen und wir müssen für einander da sein.
In diesem Sinne: Bildet Banden and never stop fighting!
L. / BlackMosqCrew“

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