Zurück nach Afghanistan 

Von Anna Schlegel

„Wir haben lang aneinander gehangen 

und lassen jetzt los. 
Was mich seit Wochen beschäftigt, ist gestern eingetreten. Ich musste einen Jungen zum Flughafen bringen. Mein Baby ist gestern nach Afghanistan zurückgeflogen. Eine freiwillige Ausreise. Nur ist hierbei doch nochmal genau zu hinterfragen, wie freiwillig eine solche Aktion denn nun wirklich ist?! Wie kommt ein gerade volljähriger Jugendlicher auf die absurde Idee in ein Land zu reisen, das seit vielen Jahren im Krieg ist, in eine Stadt zu gehen, in der auch in diesem Jahr Anschläge verübt wurden? Wenn man sich den Weg genau anschaut, den er (wie so viele Andere) zurückgelegt hat, muss man doch ganz klar überdenken, was hier zurzeit eigentlich passiert. 
Guckt man sich, nur auf diesen Fall mal bezogen, die Fakten an: Bruder getötet durch die Taliban, eine Stadt, in der regelmäßig Anschläge verübt werden, eine tote Mutter, die Familie, wenn sie denn noch lebt, verstreut. Ein Minderjähriger wird zu seinem eigenen Wohl aus dem Land geschickt. Was er dabei schon erlebt und gesehen hat, übersteigt unsere Vorstellungen. In der Türkei ist erstmal Stopp. Nicht jeder hat so viel Geld um die Verbrecher, die sich Schlepper nennen, zu bezahlen. Also arbeitet der Junge, verdient sich Geld, um weiter zu reisen. Nach monatelanger Arbeit schafft er das, reist weiter, über Boote, Zug, viel zu Fuß, Bus, um schlussendlich in Deutschland zu landen. Hier kommt er in die Jugendhilfe. Langsam, ganz langsam, kommt er an, öffnet sich. Man kommt durch die harte Schale Schritt für Schritt näher an das Kind, das er doch eigentlich noch sein sollte. Er öffnet sich, er schenkt Vertrauen. Aber es ist nicht einfach. Schlafstörungen, Alpträume, ständige Bauchschmerzen sind an der Tagesordnung. Konzentration in der Schule fällt schwer, nicht jeden Tag gelingt das Aufstehen, nicht jeder Tag läuft problemlos ab. Aber wie sollte das auch? Und was wird überhaupt von ihm und den ganzen anderen Jugendlichen erwartet? In jeder Traumaweiterbildung wird mehr und mehr der Fokus daraufgesetzt, diese Kinder (und über das Alter lässt sich streiten, aber es sind nun mal noch Kinder!) durch stabile und intensive Beziehungen aufzufangen, den pädagogischen Schwerpunkt nicht nur lediglich auf Schule zu legen, sondern in erster Linie auf soziale Sicherheit zu achten. Mein Jugendlicher wird 18 und die Jugendhilfe wird beendet, da er angeblich selbstständig genug ist um sein Leben selber zu bestreiten. Plötzlich muss er von jetzt auf gleich wieder alleine klar kommen. Es kommt das Asylinterview, es kommt der negative Asylbescheid. Und damit kommt seine Entscheidung zu einer freiwilligen Ausreise. 
In meinen Augen hat hier ein ganzes System versagt, wovon ich mich auch nicht freisprechen kann. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass man Kinder und Jugendliche durch intensive Beziehungen stabilisieren kann, dass man sie dazu ermutigen kann, sich ein gutes und sicheres Leben aufzubauen. Dass mein Junge für sich keine Perspektive in Deutschland mehr gesehen hat, bricht mir das Herz. Nach meiner Überzeugung sind es nämlich genau diese Fälle, die es wert sind zu investieren. Aber wenn sich ein so junger Mensch so allein fühlt und für sich zu wenig Unterstützung sieht, passiert genau das, was ich gestern gesehen habe: Eine Gruppe von jungen Menschen, die sich hier gefunden haben, wird getrennt und ihren sowieso schon so zerrissenen Herzen, die sie sich Stück für Stück wieder zusammenflicken, wird wieder ein Teil genommen. Ein Junge mit so großer Güte und einem so respektvollen Handeln, der immer nur auf Andere guckt, möchte stark sein und muss aber doch meine Hand halten auf den letzten Metern wie ein kleines Kind. 
Ich finde es wichtig, über Derartiges zu sprechen und ich finde es noch viel wichtiger Stellung zu beziehen. Wenn jeder doch ein bisschen mehr auf genau diese Kinder und Jugendlichen gucken würde, ein bisschen mehr Verständnis und Geduld erbringen würde und einfach noch eine Chance mehr geben würde, dann sähe es hier ganz anders aus. Gestern hat mich Deutschland, die Menschen hier und ich mich selbst so wütend gemacht, dass mir die Worte fehlen. Aber meine Wut nützt keinem etwas- ich werde weiter mein Herz offen halten, ich werde weiter auf genau die „ach-so-hoffnungslosen-Fälle“ gucken und alle, die zweifeln, werden hoffentlich irgendwann sehen können, dass aus meinen Jungs bessere Menschen werden, als das System es sich für sie vorstellt. Denn diese Kinder, meine Kinder, haben mehr zu schenken, als man es sich vorstellen kann. Und wenn man ihnen sein eigenes Herz schenkt, werden sie es in unvorstellbaren Maße zurück schenken.“

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