Gab es beim #SEK-Team in #Wurzen rechte und #Nazi-Aufnäher?

Von Hannes Kling

Rechtsextreme Aufnäher im Einsatz bei einem sächsischen SEK-Beamten?
Im sächsischen Wurzen fand am 2. September 2017 eine antifaschistische Demonstration gegen die lokalen Strukturen der Neonazis und Rassisten statt. Dabei setzte die Landespolizei auch offensiv das SEK ein, um die Demonstration zu begleiten. Insgesamt fanden ca. 20 SEK-Beamte den Weg nach Wurzen. Einer der eingesetzten Beamten trug dabei einen Aufnäher (sogenannter „Patch“), der als „Wikingerflagge“ eine hohe Verbreitung in der rechtsextremen Szene hat und einen der zwei Raben des nordischen Gottes Odin darstellt.

Insbesondere in der Rechtsrockszene der Jahrtausendwende wurden die mythologischen Raben-Aufnäher genutzt, um damit verschiedene Bezüge zu codieren:
1. Direkter Bezug des Raben-Aufnähers besteht zum Landser-Song „Walvater Wotan“, der spätestens mit dem Verbot der Band als kriminelle Vereinigung als Codierung für die Anhängerschaft der Band diente. Ausschnitt aus dem Songtext ist als Bild angehängt.
2. Das hier abgebildete Symbol wurde vielfach im Thule-Netz und im Thiazi-Forum genutzt, zwei zentrale Internet-„Foren“ der Neonazi-Szene in den 90ern und 2000ern. Dort insbesondere bei den Moderatoren, die damit darstellen wollten, dass sie als Unterstützung der technischen Administration die berichtenden und beratenden Augen waren, so wie es die Raben der Mythologie nach für den „Göttervater Odin“ waren.

Man sieht also, dass das konkrete Symbol eine lange Historie in der Neonazi-Szene hat und auch heute im deutschsprachigen Raum als Flagge und Aufnäher vor allem von Versandbetrieben der Extremen Rechten mit klangvollen Namen wie „Nation und Wissen“ sowie dem „Nationalen Versandhaus“ vertrieben werden. Beide Versandhäuser haben ihren Sitz … in Sachsen.
Hält man sich vor Augen, dass auch der Beamte aus Sachsen kommt, im Übrigen eine Hochburg des Rechtsrocks und der Blood & Honour-Szene, bekommt die Verwendung des Zeichens eine unmissverständliche Bedeutung. Die Odins-Raben-Symbolik spielt in diesem räumlichen und ideologischen Umfeld seit langem eine Rolle und hatte ihren Höhepunkt 2003/2004, als in Heidenau – wir erinnern uns an die Ereignisse 2015 – das Gewerbe „Hugin-Versand“ eröffnet wurde. Hugin ist der Name einer der beiden Raben Odins, der Betreiber war Andre Malheur, ein langjähriger Aktivist und Herausgeber des Fanzines „Froindschaft“, zentrales Organ der verbotenen militanten Vereinigung „Skinheads Sächsische Schweiz“, bei denen 2001 militärische Schusswaffen und Granaten gefunden wurden. Es überrascht nicht, das enge personelle Kontakte zum NSU bestanden, der zu dieser Zeit in Sachsen untergetaucht war.

Der andere Rabe heißt „Munin“ und dient als Namenspate u.a. für einen frühen Kollektionsbestandteil der Szenemarke „Thor Steinar“. Neben den schon oben genannten direkten Codierungen des Rabenbildes gibt es auch Sekundärcodierungen, die dem Symbol der mythologischen Raben zugesprochen werden: einerseits gelten sie – darauf referenziert auch der Landser-Text – als Träger des Kampfes gegen das Christentum verstanden, das in der rechtsextremen Ideologie als „jüdische Invasoren der nordischen Lande“ verstanden wird, referenzierend auf das Selbstverständnis von Jesus als Angehöriger des jüdischen Glaubens. Weitere Sekundärcodierungen finden sich in der Referenz auf Odin selber, der untrennbar mit der Raben-Symbolik verbunden ist. Odin wird oft auch als Wotan bezeichnet und dient in der rechtsextremen Szene einerseits als Abkürzung (für „Will Of The Aryan Nation“) und anderseits als beliebter Band insbesondere in der sächsischen und ostdeutschen Skinheadszene (W.O.T.A.N., Wotans Volk (Berlin), Söhne Wotans, Odins Volk Sachsen).
Welch elementare Rolle die Raben-Symbolik in der rechtsextremen Szene kann man sich bei der Recherche in älteren Antifa-Publikationen anschauen: in der „Fight Back #2“ von 2003 wird auf S. 15 auf einen verurteilen Rechtsterroristen verwiesen. Odins Rabe wird dort als nachrufender Gruß an Kameraden in einer Gefängniszeitung erwähnt, der Autor schrieb auch für den Weißen Wolf – das Fanzine, dass dem NSU für seine Spende dankte.

Die etwas längeren Ausführungen sollen Sensibilität dahingehend schaffen, dass es außerhalb der Extremen Rechten kaum plausible Referenzrahmen für die Nutzung des Symbols durch den SEK-Beamten im Einsatz gibt – eine Nutzung in Deutschland ist weitestgehend der rechtsextremen Szene nachzuweisen – dort aber intensiv (wie auch das Profilbild eines YouTube-Accounts mit klar antisemitischen und NS-verherrlichenden Inhalten nachweist). Die Odins-Raben-Symbolik dient durchgehend als Codierung, Sekundärcodierung und hat sich über die Zeit eine eigenständige Bedeutung aufgebaut, die sich insbesondere im völkischen Bereich der sogenannten Siedlungsbewegung (vor allem in MV) in der dort genutzten Schmiedekunst und in der Symbolsprache der verbotenen „Wiking Jugend“ und der sogenannten „Artgemeinschaft“ niederschlägt.
Die Nutzung dieses Symbols in einem Einsatz, der gegen eine antifaschistische Demonstration gerichtet war, lässt also nur wenig Spielraum übrig – auch wenn die Polizei Sachsen in einer ersten Stellungnahme auf Twitter die aufgeführten Umstände als „spekulativ“ abtut. Hier muss dringend Aufklärung erfolgen, warum der Beamte dieses Symbol auf seiner Einsatzkleidung zusammen mit einem Sturmgewehr trug und welche Probleme das sächsische SEK generell mit Neonazis in ihren eigenen Reihen hat.
(Bildnachweis: https://twitter.com/Volk11elf/status/904694736430276609; eigene Screenshots)

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