Offener Brief an Frau Wagenknecht 

Liebe Sahra Wagenknecht,

Du wirst es nicht glauben, aber ich kenne mindestens 2 Ärzte aus Syrien und mindestens 1 aus dem Irak. Mindestens, weil ich nicht weiß wieviel der tausenden Menschen, die mir seit dem Sommer 2015 durch die Hände geflutscht sind, Ärzt*innen waren.

Ich möchte Dir einen der beiden Ärzte aus Syrien näher vorstellen. Ich traf ihn im August 2015 auf dem Gelände des LAGeSo in der Turmstraße in Berlin. Ja, genau dieses LAGeSo. An besagtem Tag waren es ca. 40 Grad im Schatten. Auf der kleinen, ausgetrockneten Park (oder auch Staub-)Fläche stehen über 1000 Menschen. Dehydriert, fertig, hoffnungslos. Ich darunter als ehrenamtlicher Rettungssanitäter in Kluft mit Rettungsrucksack. Mir fällt ein ca. 50 jähriger Mann auf, der offenbar planlos durch das Gelände streift und ständig umher sieht. Ich gehe zu ihm, frage, ob ich ihm helfen kann. Er schaut mir ins Gesicht. Leere. Apathie. Er zeigt mir das Bild auf dem Handy. Darauf er mit seiner Frau und seinen 4 Kindern, darunter 1 Säugling. Er spricht auf mich auf arabisch ein. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich leider nur einige wenige Worte arabisch. Ich höre ständig „Suria, Suria“. Gut, er kommt aus Syrien. Während er weiter fragend auf mich einredet, wischt er über sein Handy. Ein Video. Es ist dunkel. Es ist ein Schlauchboot. Er tippt auf Play. Man hört Schreie. Schreie eines Baby. Es ist mitten in der Nacht. Nur der Mond spendet etwas Licht. Das Boot ist unruhig. Das Baby schreit. Das Boot schwankt gewaltig. Man sieht von etwa der Mitte des Bootes Richtung Wasser. Direkt vor der Kamera ist eine Frau. Ich erkenne sie wieder. Sie war gerade zuvor auf dem Bild. Es ist seine Frau. Sie hat das Baby auf dem Arm. Er schreit immer lauter. Man merkt, dass einige Männer auf dem Boot unruhig werden. Am Horizont sieht man langsam ein Licht auf die Kamera zukommen. Die Männer im Boot werden immer unruhiger. Rufen wild umher. Bis auf einmal aus dem linken Bildteil ein Mann zur Frau des Kameraträgers eilt und die Arme nach dem Baby greifen. Die Mutter krallt das Baby an sich. Das Bild verwackelt. Alle schreien herum. Auf einmal sehe ich kurz, wie der Mann das Baby nimmt und über Bord wirft. Das Video stoppt. Ich stehe vor diesem Mann und weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin erstarrt, geschockt, wütend, traurig. Da hat nicht eben jemand das Baby dieses Mannes über Bord geworfen. Doch, ich habe es gerade gesehen. Ich bin konsterniert. Schau um mich herum. Schreie laut „Translator, arabic“. Ein jüngerer Mann kommt auf uns zu. Er sagt, er sei aus Syrien und könne gutes Englisch. Er übersetzt mir, was der ältere Mann sagt auf Englisch. Er sei Arzt aus Aleppo, Ist mit seiner Familie vor DAESH geflohen. Haus verkauft, Auto verkauft, Hab und Gut verkauft. In der Türkei dann eben diese Schlauchbootfahrt. Dann kommt die eigentliche Frage des Mannes: Ob seine Frau und seine Kinder hier sein würden, er hätte sie seit dieser Nacht im Schlauchboot nicht gesehen. Er suche verzweifelt. Was soll ich diesem Mann Antworten? Er hat gar nicht realisiert, dass er mir gerade gezeigt hat, wie sein Baby ertrunken ist. Ich will mir gar nicht ausmalen, was mit den anderen Kindern und der Frau passiert ist. Ich ahne schlimmes.

Dies ist nur eine der vielen, vielen Dinge, die ich seit dem August 2015 bei der Arbeit mit Flüchtenden erleben durfte. Dazu noch viele, viele Bilder à la „Schau mal, Thorsten, das ist meine vom DAESH geköpfte Schwester (Ein Foto mit Torso und abgetrenntem Kopf).“ Oder: „Das ist mein Bruder, von Assad hingerichtet. (Ein Foto eines Mannes mit glattem Kopfschuss).“
Und Du möchtest mir nun erzählen, dass wir syrische Ärzte „nach Deutschland holen“?
Die MÜSSEN fliehen. Ob das Geld und der Mut nun langt mit Familie oder Alleine. Die müssen da weg. Terror, Hunger, Seuchen, Anschläge, Massenhinrichtungen. Für mich kein schöner Ort zum Leben.

Ich hoffe, Du kannst mit diesen Worten etwas anfangen und das nächste Mal, wenn Du wieder Migrant*innen gegen andere Hilfsbedürftige ausspielst, vorher einmal etwas in Dich gehst und überlegst, wem Du damit verdammt weh tun kannst!

Ich danke Dir für Deine Aufmerksamkeit.

Liebe Grüße
Genosse Thorsten Buhl
مساح الخير و سلام

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