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Thälmannpark: Anwohner wollen mitreden

Von der Wirkung von Bürgerinitiativen bei der Stadtgestaltung

…wenn du einen Sumpf trocken legen willst, solltest du nicht die Frösche fragen…“ Alte Volksweisheit

Getreu diesem Spruch agieren mittlerweile die Immobilienwirtschaft und die Berliner Politik. Das Ergebnis sind, zum Beispiel, durchgentrifizierte und homogenisierte Stadtquatiere im Prenzlauer Berg. Die spröde Bürgerlichkeit hat hier Buntes und Kreatives, Lautes und Durchmischtes verjagt und dem Bezirk einen uniformen Style verpasst. Sind Bürger*innen an diesen Prozessen beteiligt gewesen, haben sie Widerstand leisten können, konnten sie was mit ihrer Präsenz verändern und bewirken?

Ich treffe Veronica (Name geändert) in der Nähe des Planetariums mitten im Park. Sie entsorgt Silvesterknaller und Unrat aus der Neujahrsnacht. Es ist eine der ersten gemeinsamen Aktionen der Aktivgruppe der neugegründeten Anwohner-Initiative Thälmannpark. Die Gruppe muss sich noch finden, man will sich kennenlernen und versucht ein Selbstverständnis zu definieren. Die Organisation einer Einwohnerversammlung zum Thema „Wie wollen wir hier leben“ steht als Nächstes auf der Agenda.

Der Thälmannpark, eines der letzten, potentiellen Entwicklungsgebiete im Prenzlauer Berg, steht noch da, wie ein ungeschliffener Diamant. Besonders die exponierte Lage wecken Begehrlichkeiten und der „Verwertungsdruck“ droht städtebauliche Konzeptionsversuche zu überlagern. Immobilienwirtschaft und Bezirkspolitik verstehen sich als Gestalter, vollendete Tatsachen, wie erlassende Baugenehmigungen für „Filetflächen“, stehen der Entwicklung einer Gesamtkonzeption entgegen. Das lässt die Bürger alt aussehen. Ihre Mitgestaltungs-Plattformen sind in diesen Prozessen noch nicht eingebunden, ihnen bleibt zunächst nur die ohnmächtige Reaktion auf die in hoher Taktzahl stattfindenden Ereignisse.

Dass sich was verändern wird, ist Veronica und vielen anderen Bewohner*innen des Parkes klar. Aber Angst vor Veränderungen ist ein unangenehmer Begleiter von Motivation und Kreativität. Auch Veronica hat Angst, bewohnt sie doch, wie die meisten Anwohner*innen, eine post-sozialistischen Platte, die zentraler Teil des 1988 gestalteten DDR-Wohngebietes „Ernst-Thälmann-Park“ war. Mietstabilität und höhere Bebauung des Parkes sind zentrale Befürchtungen. Sie wünscht eine behutsame Umgestaltung, die die Befindlichkeiten und Wünsche der Bewohner*innen berücksichtigt.

Die Geschichte des Mauerparkes zeigt, wie paralysiert sich Bürgernetzwerke und Anwohner-Initiativen fühlen können, wenn Bezirksamt und Bauunternehmer in trauter Zweisamkeit das Tafelsilber verscherbeln und Wünsche der Betroffenen kaum oder nicht berücksichtigen. Sie nutzen einfach die Freiräume, die ihnen ordnungspolitisch und rechtlich zur Verfügung gestellt werden. Das Nordareal des umstrittenen Parkes wird, zum Beispiel, nun nach Gutdünken des Immobilienunternehmens Groth-Gruppe bebaut und fügt sich in kein städtebauliches und soziales Grundkonzeptes. Ein angesetzter Dialog mit einer Bürgerwerkstatt ist als Feigenblatt für Politiker, die Mitsprache und -gestaltung propagiert haben, verkommen. Die vom Investor angekündigten Einheiten mit sozial-verträglichen Mietpreisen sollen, wenn überhaupt, von der Politik finanziert werden. Die öffentliche Hand hat natürlich kein Geld dafür, also bleiben sie weg. Beteiligte Bürgerinitiativen , die sich gerade für finanzierbaren Wohnraum und eine gesunde soziale Mischung einsetzten, müssen bei null anfangen, Widerstand muss sich neu formieren.

Das sich aber Widerstand, der sich nicht ans Ordnungspolitische hält, lohnen kann, zeigen mehrere Beispiele aus jüngster Zeit. Die Rentnerinnen der Stillen Straße hätten ohne ihre theoretisch strafrechtlich zu verfolgende Hausbesetzung ihren Nachbarschaftreffpunkt verloren. Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel wäre verschwunden, hätten sich nicht ebenfalls Anwohner*innen zu ihrer Besetzung zusammen gefunden. Die Politik verstand diesmal die Signale und erfüllte Forderungen der Besetzer*innen. Menschen in ihrem Willen nach Durchsetzung ihrer nachvollziehbaren Wünschen sind hier einfach einen Schritt weiter gegangen, als sich dem „Realitycheck“ zu beugen.

Blockaden und Okkupationen sind Formen des Widerstandes, die sehr gut die Selbstermächtigung von Menschen darstellen. Wenn die Gründe zum Agieren bei vielen Betroffenen angekommen sind und in Handlungen umgesetzt werden, symbolisiert der Widerstand eine wirkungsvolle Art der Einflussnahme. Ziviler Ungehorsam bedeutet eine entwickelte Emanzipation und ist ein fortschrittliches Stadium des Demokratieverständnisses.

Veronica hat die Aktiven-Gruppe herbei gesehnt. Sie folgt lieber Leuten mit Ideen als anzuführen und Impulse zu setzen. Zur Einwohner-Versammlung in drei Wochen werden Veronica und die zu erwartenden Gäste aber zur Mitarbeit und -gestaltung aufgefordert werden. Zu verschiedenen Themen sind Ideen zur Umgestaltung der Wohngegend gefragt. Als Ergebnis sollte ein selbst entwickelter Entwurf der Bürger*innen stehen, der aufzeigt, wie die Menschen hier leben wollen.

Der Anwohner-Initiative Thälmannpark kann man nur raten, sich die Möglichkeit zu schaffen, autonom agieren zu können, auf Augenhöhe den Protagonisten der aus Wirtschaft und Politik geleiteten Stadtentwicklung gegenüber zu treten und eigene Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten zu artikulieren, weiter zu entwickeln und sie als gestalterisches Element vertreten zu wollen. Ihr sollte die Bereitschaft innewohnen, auch über ihre eigenen Grenzen hinweg gehen zu müssen. Die Chance, als ernst zu nehmender „Player“ auf urbane Entwicklungen der Stadt Einfluss zu nehmen, ist da, bedarf aber Aktionswillen, Geduld, Konsequenz und Fachkenntnis vieler Bürgerinnen und Bürger.