Schlagwort-Archive: Gentrifizierung

Baiz muss umziehen-Menschenkette gesucht!

Umzug der Kultur- und Schankwirtschaft mit Hilfe einer Umzugs-Menschenkette. Kettenglieder gesucht!

Am Sonntag, 23.02. zieht die Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ von der Torstraße in die Schönhauser Allee (Ecke Wörther Straße). Für den Umzug werden etwa 300 Menschen benötigt, die eine Kette entlang dieser 1.000 m bilden.

Mit dieser Kette sollen nicht nur Stühle, Tische und Barhocker transportiert, sondern auch ein öffentliches Zeichen gesetzt und auf die fortschreitende Gentrifizierung aufmerksam gemacht werden.

Der Wegzug des BAIZ bedeutet den Verlust der letzten alternativkulturellen Einrichtung auf der Torstraße. Zwar kann die Kultur- und Schankwirtschaft an einem anderen Ort in der Nähe weiterleben, zu viele andere kulturelle Einrichtungen und Bewohner/innen hatten und haben diese Chance jedoch nicht. Freiräume gehen weiter verloren.

Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass verschwindet, was den Kiez auszeichnet und lebenswert macht. Wir bleiben alle! Und das zeigen wir mit einer Menschen-Umzugs-Kette!

Wann: Sonntag, 23.02.2014, 15:00 Uhr
Wo: BAIZ, Christinenstraße, Schwedter Str.
Schönhauser Allee bis zur 26A, neues BAIZ

Kurzmitteilung

Für linke Freiräume: Support your local Randbezirk! und WB13-Open-Air “Die Platte bebt”

Fr.14.06. 18:00 Kiezdemo ab S-Bhf Hohenschönhausen – “Support your local Randbezirk!”

Kiez­de­mo für linke, selbst­ver­wal­te­te Frei­räu­me. – “Sup­port your local Rand­be­zirk!”

Unter die­sem Motto wol­len wir bunt, laut und wi­der­spens­tig für mehr al­ter­na­ti­ve Frei­räu­me und DIY-Kul­tur auf die Stra­ße gehen und den An­woh­nern zei­gen, dass Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on noch lange nicht tot ist in Ho­hen­schön­hau­sen. Vor­treff­punkt ist 17.30 Uhr am S-Bhf. Ost­kreuz (Gleis 1). Da­nach: Akus­tik-Lie­der­macher­kon­zert im WB13 mit An­der­er­saits und David. Das Ganze ist als Warm Up fürs 15. WB13-Open-Air einen Tag spä­ter (15.6.) ge­dacht.

Sa. 15.06. WB13-Open-Air

14Uhr “Die Platte bebt” – 15. WB13 Open Air und subkulturelles Straßenfest.
DIY-Straßenfest mit Livemukke:

  • “Auf Bewährung” (Polit-Punk aus Norddeutschland)
  • “Pyro One” (Rap, TickTickBoom)
  • “Minni the Moocher” (Ska-Punk)
  • “Wonderska” (Ska)
  • “Jenz Steiner” (Satire-Poli-Rap)
  • “Tram4″ (Skate-Punk)
  • “SkaMarley” (Ska-Pop-Punk)
  • “Herzschlagmusik” (Minimal Techno).

Außerdem gibt es Vorträge, vegane Fress- und Getränkestände, Graffitiwände, Skaterampen, Siebdruckworkshop (bringt eure Shirts mit), ne Fingerboardrampe, Kinderprogramm mit Hüpfburg, Kicker und vielem mehr. (siehe auch: wb13.org/open-air)

Ab 22.00 Uhr Indooraftershowparty. “Support your local Randbezirk”.

Plakat für das 15. wb13 Open-Air am Sa. 15.06.13

Quatiersmanagement in Berliner Wohngebieten: „Niemand hat die Absicht Arme zu verdrängen“

Aus „de.indymedia.org“

Quartiersmanagement – Motor der Ausgrenzung

Mit der Einführung des „Quartiersmanagements“ reagierte der Berliner Senat 1999 auf die zunehmenden sozialen Probleme in einigen Berliner „Quartieren“. Gemeint sind Stadtteile, in denen vor allem Menschen aus sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten leben. Dort wo „trinkende“ Menschen in der Öffentlichkeit zu sehen sind, Drogen konsumiert werden, Graffiti die Wände verzieren und die Häuser marode sind.Auch im Wedding wurde 1999 ein Quartiersmanagement eingeführt. Wedding war noch nie einer der besser gestellten Bezirke, doch nach der Wende führte ein massiver Abbau von Industriearbeitsplätzen zu einer hohen Arbeitslosigkeit und viele besser verdienende Haushalte zogen fort. Mit seinem traditionell hohen Migrant_innenanteil kam im Wedding noch dazu, dass in einer Mischung aus Rassismus, Sozialchauvinismus und vermeintlicher Kriminalität der Bezirk von Zuzügler_innen eher gemieden wurde. Die Mieten blieben so vergleichsweise günstig.
Wedding ist auch heute noch als „sozialer Problembezirk“ bekannt. Hier leben vorwiegend Menschen mit geringem Einkommen. Der „Versorgungsgrad“ mit Kinder- und Jugendeinrichtungen beträgt lediglich 50 %, d.h. es sind gemessen am Bedarf nur halb so viele Einrichtungen vorhanden. Dazu kommt, dass das Angebot oft nicht den spezifischen Anforderungen der Jugendlichen entspricht und deshalb nur unzureichend genutzt wird.

Quartiersmanagement – formulierter Zweck und Realität

Im Quartiersmanagementverfahren sollen die Bewohner_innen aktiv an einem Verbesserungsprozess teilnehmen. Die wirtschaftlichen Schwächen des Bezirks sollen behoben und die Lebensbedingungen verbessert werden.
Was das bedeutet, wird am Beispiel des Helmholtzplatzes im benachbarten Prenzlauer Berg deutlich. Der Prenzlauer Berg war einst einer der ärmsten Bezirke Berlins, heute ist er einer der reichsten. Auch hier wurde 1999 ein Quartiersmanagement eingeführt. Hohe Arbeitslosigkeit, Drogenhandel, leerstehende Wohnungen und verwilderte Grünanlagen prägten damals den Zustand. Heute schieben gut situierte Mittdreißiger/vierziger-Eltern teure Kinderwagen durch die Straße, tauschen sich über Yogaübungen aus und blicken dabei auf blitzblank sanierte Altbauten. Kaum zu glauben, dass es hier jemals Probleme gab mit Drogendealern in Gebüschen und verfallenen Altbauten, mit „Trinkern“, die mit ihren „Hunderudeln“ das Trafohäuschen auf dem Platz besetzten.
Die „Stadtmanager“_innen des Quartiersmanagements rodeten einfach das Gebüsch auf dem Platz und bauten das Trafohäuschen zum Nachbarschaftsheim mit Café um. Sie stellten Bänke auf, legten Spielplätze an und organisierten Weihnachtsmärkte. „Sie haben den Platz für alle Bewohner_innen zurückerobert“, sagt der bekannte Stadtforscher Hartmut Häusermann. Häusermann verfasste 1998 im Auftrag des Senats eine Untersuchung, in der die Einführung eines Quartiersmanagements vorgeschlagen wurde. „Alle Bewohner_innen“ ist hierbei jedoch zweifellos falsch. Von den Menschen, die vor 10 Jahren um den Helmholtzplatz herum wohnten, sind heute kaum noch welche übrig. Die vorgeblichen „sozialen Problemfälle“ sind völlig verschwunden und auch insgesamt haben 80 % der ehemaligen Bewohner_innen den Prenzlauer Berg verlassen. Für sie war im aufgewerteten Kiez mit seinen ins unermessliche gestiegenen Mieten einfach kein Platz mehr.

Weddinger Quartiersmanagement

Anders im Wedding. Hier treten die sozialen Probleme auch nach 10 Jahren Quartiersarbeit noch offen zu Tage. „Die soziale Ausgangslage in Wedding ist nicht vergleichbar mit der in Prenzlauer Berg“, sagt Katja Niggemeier, Quartiersmanagerin im Soldiner Kiez.Der Soldiner Kiez, bekanntgeworden als der Kiez mit der höchsten Mordrate Berlins, kann stellvertretend für viele soziale Konflikte im Stadtteil betrachtet werden. Zu Beginn der Quartiersarbeit im Soldiner Kiez lagen die Schwerpunkte auf baulichen Maßnahmen an Spielplätzen und Schulen. „Straßen, Plätze und Grünanlagen litten unter Verwahrlosung“, heißt es auf der Internetseite des Quartiersmanagements. Verwahrlosung bedeutet schlechtes Image und Imageverbesserung ist der dauerhafte Schwerpunkt der Quartiersmanagements. Und so werden längst fällige Erneuerungen, wie die Pflege von Spielplätzen und Grünanlagen als Erfolge des Quartiersmanagements in der Öffentlichkeit verkauft.
So rüstet der Kiez auf und „Orte der nachbarschaftlichen Begegnung“ werden geschaffen. Kinder können ohne Angst vor Heroinspritzen im Sand spielen und selbst bei Nacht braucht niemand mehr Angst zu haben, denn am Grünzug an der Panke ist für ausreichend Beleuchtung gesorgt. Ein Kiez für alle! Nur eben ganz wie im Prenzlauer Berg: für viele Bewohner_innen wird in der Aufwertung auch hier bald kein Platz mehr sein. Die Verdrängung ist Teil der Strategie.
Um die Verdrängung weiter anzukurbeln, werden im Wedding mittlerweile vor allem soziokulturelle Projekte wie die Kolonie Wedding gefördert. In Kooperation mit dem Wohnungunternehmen Degewo werden leer stehende Gewerberäume zu Projekträumen umgewidmet, mit denen Kunst- und Kulturinteressierte in den Kiez gelockt werden sollen. Die Kunst kommt jedoch nicht aus dem Kiez selbst. Auch im benachbarten Brunnenviertel bemüht sich die Degewo mit Straßenfesten und subventionierten Ladenräumen um eine Imageverbesserung der Nachbarschaft. Ziel: besserverdienende Mieter_innen zu gewinnen.Es gibt aber auch ablehnende Stimmen zur der Politik des Quartiersmanagement, und die sind alles andere als neu. Insbesondere sind 2011 die Praktiken des Quartiersmanagements Neukölln in die Kritik geraten. Mit dem Projekt „Task Force Okerstraße“ sollte in Zusammenarbeit mit privaten Akteur_innen durch Meldung unangepassten Verhaltens ein Bespitzelungsnetz entstehen, das zum Austausch der bestehenden Mieter_innenstruktur und so zur Aufwertung im Kiez führen sollte. Dabei zielte die Strategie offen auf die Verdrängung von Roma, Nicht-Deutschen und sogeannten „Trinkern“ im Kiez.

Finanzielle Hintergedanken

Sowohl am Helmholtzplatz als auch am Beispiel Brunnenviertel und Soldiner Kiez wird deutlich: das Quartiersmanagement ist eine systematische Verdrängung von einkommensschwachen Bewohner_innen, um die wirtschaftliche Potenz von Innenstadtgebieten touristisch und wirtschaftlich auszuschlachten. Finanziert wird das Verfahren zu 50 % aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und zu 50 % aus dem Programm „Soziale Stadt“.
Mit dem Programm „Soziale Stadt“, welches zusammen mit dem Quartiersmanagement 1999 vom Senat für Stadtentwicklung eingeführt wurde, soll verhindert werden, dass es in „Problemgebieten“ zu einer Abwärtsspirale kommt und damit einer weiteren Verschlechterung der Situation der Bewohner_innen. In der Praxis bedeutet dies jedoch lediglich eine Stabilisierung des Quartiers und eben nicht die Verbesserungen der Lebensbedingungen der ursprünglichen Bewohner_innen. Stabilisierung bedeutet soziale, polizeiliche und finanzielle Kontrolle, damit das Mieter_innenverhalten schön vorhersehbar und gewinnbringend wird. An der Ursache Armut ändert Quartiersmanagement nichts, es verdrängt nur die Einkommensschwachen in andere, noch nicht aufgewertete Bezirke, vornehmlich Außenbezirke.
Darüberhinaus unterstützt der Fokus der Quartiersmanager_innen auf Kreativwirtschaft und Dienstleister_innen aktiv die Verdrängung von Kleinbetrieben und für bürgerliches Empfinden unerwünschten Gewerben wie Sexshops und Spielcasinos.

Unangenehme Aussichten

In Berlin öffnet sich die Schere zwischen besseren Wohngegenden in Innenstadtnähe und schlechteren, die immer mehr an den Rand gedrängt werden, immer weiter.
Quartiersmanagement verhindert dies nicht, sondern trägt dazu bei. Die Verdrängung ist politisch gewollt. Wer sich nicht gegen Investor_innen, neoliberale Stadtplaner_innen und Quartiersmanager_inne durchsetzen kann, muss gehen. Ein Prozess, der inzwischen vielen unter dem Schlagwort „Gentrifizierung“ bekannt ist. Das Quartiersmanagement ist der Motor der Aufwertung der innenstadtnahen Bezirke, soziale Probleme erscheinen dabei als Hemmschuh. Die Existenz armer und unangepasster bzw. weniger finanzkräftiger Menschen ist genauso relavant für Grundstückspreise und Mieten wie Fluglärm oder der geplante Bau der A 100 in Friedrichshain. Auch Rassismus spielt eine Rolle. Gegenden, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, werden in den Medien schnell als Slums der Großstadt bezeichnet, was erstens falsch und zweitens pure rassistische Hetze ist. In den vergangenen Jahrzehnten von Integrationsversuchen sollten diese Menschen so deutsch wie möglich gemacht werden. Doch so deutsch wie möglich wird eben nie deutsch genug sein.Die sogenannte besserverdienende Mittelschicht ist auf dem Weg nach Wedding und das Quartiersmanagement ist schon fleißig dabei, die Gehwege von Hundekot und sonstigem Abfall zu befreien. Die soziale Frage wird vom Quartiersmanagement nicht gestellt. Stattdessen werden Fahrradtouren vom Prenzlauer Berg in den Wedding organisiert, um auf das touristische und wirtschaftliche Potenzial des Bezirks aufmerksam zu machen.Wer sich nicht nach oben boxt, wird auch nicht gefördert. Investiert wird nur in die, die nach Meinung von Senat und Investoren auch eine Zukunft haben. Das ist Sozialchauvinismus in Reinform.

Eine Berliner HipHop-Gruppe hat es auf den Punkt gebracht:„Vielleicht fällt nur Licht auf dein Viertel wenn es brennt“.

Quartiersmanagement ist auf jeden Fall für sehr viele kein Lichtblick, sondern der Anfang vom Ende.

Berlin-Reinickendorf: Zwangsräumung trieb Mieterin in den Tod

Neuer Schock im Berliner Mieter-Verdrängungsklima: Tod nach Zwangsräumung. Hier die PM des Bündnisses gegen Zwangsräumungen: 

Am 11. April 2013 ist Rosemarie Fliess im Alter von 67 Jahren verstorben. Zwei Tage zuvor wurde sie aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt. Seitdem fand sie vorläufig Unterkunft in einer Wohngemeinschaft und zuletzt in einer Wärmestube. Das Bündnis Zwangsräumung verhindern ist traurig, schockiert, fassungslos und wütend.

Die Zwangsräumung entzog Rosemarie Fliess ihre Lebensgrundlage. Die Räumung wurde vollzogen, trotz eines ärztlichen Attests, welches ihr die Unzumutbarkeit einer Räumung bescheinigte. Damit wurde ihr Tod zumindest billigend in Kauf genommen. Die Eigentümerin bestand trotz Mietübernahmeerklärung des Sozialamtes auf Herausgabe der Wohnung.

Rosemarie Fliess war Teil des Bündnisses Zwangsräumung verhindern. Sie erfuhr Unterstützung, z. B. in Form von Prostestkundgebungen bei ihren Räumungsterminen und nahm trotz ihres Gesundheitszustandes selbst an Aktionen, u.a. an der Blockade einer Zwangsräumung in der Reuterstraße am 2. April 2013 teil.

Wir sind schockiert und fassungslos und trösten uns ein wenig damit, dass Rosemarie Fliess wenigstens zu ihrem Lebensende Solidarität erfahren hat, womit sie in den letzten Jahren sicherlich nicht reich beschenkt war.

Wir fragen uns:
In was für einer Gesellschaft leben wir, die Eigentumsrechte über den Schutz des Lebens stellt? Welche Verantwortung tragen Politiker, Richterinnen, Gerichtsvollzieher, Eigentümerinnen, Polizisten und auch
Schlüsseldienste? Welche Schuld trägt ein Richter, der trotz eines ärztlichen Attest eine Zwangsräumung anordnet? Wer, wenn nicht Menschen, wie Rosemarie Fliess, genießt noch Räumungsschutz?

Der letzte Zufluchtsort von Rosemarie Fliess, die Wärmestube „Wärme mit Herz“, soll am 19. April zwangsgeräumt werden.

Am Freitag, den 12. April, um 18:00 findet eine Trauerkundgebung vor ihrem Zuhause in der Aroser Allee 92 in Reinickendorf statt.

Helmholtzplatz: Straßenfest für „Zimmermeister Brunzel“

Zimmermeister Brunzel droht die Räumung
Straßenfest für den Erhalt der Ausstellung „Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg um 1900“
Samstag, dem 16. März 2013, zwischen 12 und 16 Uhr

Gründerzeitmuseum

„Hallo liebe Freunde,
nach und nach gehen die letzten Spuren des gelebten Lebens im
Prenzlauer Berg verloren… Könnt Ihr Euch noch an die
historische Husemannstraße und das Museum Berliner Arbeiterleben
dort erinnern? Als das Museum ab 1990 verschwand, wurden einige
historische  Ausstellungsstücke noch bis jetzt in der
Dunckerstraße 77 bei „Zimmermeister Brunzel“ gezeigt. Jetzt
sollen auch dort die letzten Spuren verschwinden… Dem
„Berlinischsten aller Bezirke“ geht so allmählich seine
historische Substanz gänzlich verloren…. Hat der Bezirk
wirklich kein Interesse daran, diese interessante Geschichte des
größten zusammenhängend erhaltenen Gründerzeitgebietes in Europa
für die Nachkommen, d.h. Kinder, Jugendliche und auch Besucher
des Bezirkes zu erhalten? Diese wichtigen historischen  Orte
müssen in Verantwortung oder zumindest mit Unterstützung des
Bezirksamtes Pankow und des Museums Pankow weitergeführt werden.
E i n e  Möglichkeit, dieses Anliegen zu unterstützen, ist am
kommenden Sonnabend mittags (16. März) die Teilnahme am Straßenfest.“ 

Thälmannpark: Anwohner wollen mitreden

Von der Wirkung von Bürgerinitiativen bei der Stadtgestaltung

…wenn du einen Sumpf trocken legen willst, solltest du nicht die Frösche fragen…“ Alte Volksweisheit

Getreu diesem Spruch agieren mittlerweile die Immobilienwirtschaft und die Berliner Politik. Das Ergebnis sind, zum Beispiel, durchgentrifizierte und homogenisierte Stadtquatiere im Prenzlauer Berg. Die spröde Bürgerlichkeit hat hier Buntes und Kreatives, Lautes und Durchmischtes verjagt und dem Bezirk einen uniformen Style verpasst. Sind Bürger*innen an diesen Prozessen beteiligt gewesen, haben sie Widerstand leisten können, konnten sie was mit ihrer Präsenz verändern und bewirken?

Ich treffe Veronica (Name geändert) in der Nähe des Planetariums mitten im Park. Sie entsorgt Silvesterknaller und Unrat aus der Neujahrsnacht. Es ist eine der ersten gemeinsamen Aktionen der Aktivgruppe der neugegründeten Anwohner-Initiative Thälmannpark. Die Gruppe muss sich noch finden, man will sich kennenlernen und versucht ein Selbstverständnis zu definieren. Die Organisation einer Einwohnerversammlung zum Thema „Wie wollen wir hier leben“ steht als Nächstes auf der Agenda.

Der Thälmannpark, eines der letzten, potentiellen Entwicklungsgebiete im Prenzlauer Berg, steht noch da, wie ein ungeschliffener Diamant. Besonders die exponierte Lage wecken Begehrlichkeiten und der „Verwertungsdruck“ droht städtebauliche Konzeptionsversuche zu überlagern. Immobilienwirtschaft und Bezirkspolitik verstehen sich als Gestalter, vollendete Tatsachen, wie erlassende Baugenehmigungen für „Filetflächen“, stehen der Entwicklung einer Gesamtkonzeption entgegen. Das lässt die Bürger alt aussehen. Ihre Mitgestaltungs-Plattformen sind in diesen Prozessen noch nicht eingebunden, ihnen bleibt zunächst nur die ohnmächtige Reaktion auf die in hoher Taktzahl stattfindenden Ereignisse.

Dass sich was verändern wird, ist Veronica und vielen anderen Bewohner*innen des Parkes klar. Aber Angst vor Veränderungen ist ein unangenehmer Begleiter von Motivation und Kreativität. Auch Veronica hat Angst, bewohnt sie doch, wie die meisten Anwohner*innen, eine post-sozialistischen Platte, die zentraler Teil des 1988 gestalteten DDR-Wohngebietes „Ernst-Thälmann-Park“ war. Mietstabilität und höhere Bebauung des Parkes sind zentrale Befürchtungen. Sie wünscht eine behutsame Umgestaltung, die die Befindlichkeiten und Wünsche der Bewohner*innen berücksichtigt.

Die Geschichte des Mauerparkes zeigt, wie paralysiert sich Bürgernetzwerke und Anwohner-Initiativen fühlen können, wenn Bezirksamt und Bauunternehmer in trauter Zweisamkeit das Tafelsilber verscherbeln und Wünsche der Betroffenen kaum oder nicht berücksichtigen. Sie nutzen einfach die Freiräume, die ihnen ordnungspolitisch und rechtlich zur Verfügung gestellt werden. Das Nordareal des umstrittenen Parkes wird, zum Beispiel, nun nach Gutdünken des Immobilienunternehmens Groth-Gruppe bebaut und fügt sich in kein städtebauliches und soziales Grundkonzeptes. Ein angesetzter Dialog mit einer Bürgerwerkstatt ist als Feigenblatt für Politiker, die Mitsprache und -gestaltung propagiert haben, verkommen. Die vom Investor angekündigten Einheiten mit sozial-verträglichen Mietpreisen sollen, wenn überhaupt, von der Politik finanziert werden. Die öffentliche Hand hat natürlich kein Geld dafür, also bleiben sie weg. Beteiligte Bürgerinitiativen , die sich gerade für finanzierbaren Wohnraum und eine gesunde soziale Mischung einsetzten, müssen bei null anfangen, Widerstand muss sich neu formieren.

Das sich aber Widerstand, der sich nicht ans Ordnungspolitische hält, lohnen kann, zeigen mehrere Beispiele aus jüngster Zeit. Die Rentnerinnen der Stillen Straße hätten ohne ihre theoretisch strafrechtlich zu verfolgende Hausbesetzung ihren Nachbarschaftreffpunkt verloren. Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel wäre verschwunden, hätten sich nicht ebenfalls Anwohner*innen zu ihrer Besetzung zusammen gefunden. Die Politik verstand diesmal die Signale und erfüllte Forderungen der Besetzer*innen. Menschen in ihrem Willen nach Durchsetzung ihrer nachvollziehbaren Wünschen sind hier einfach einen Schritt weiter gegangen, als sich dem „Realitycheck“ zu beugen.

Blockaden und Okkupationen sind Formen des Widerstandes, die sehr gut die Selbstermächtigung von Menschen darstellen. Wenn die Gründe zum Agieren bei vielen Betroffenen angekommen sind und in Handlungen umgesetzt werden, symbolisiert der Widerstand eine wirkungsvolle Art der Einflussnahme. Ziviler Ungehorsam bedeutet eine entwickelte Emanzipation und ist ein fortschrittliches Stadium des Demokratieverständnisses.

Veronica hat die Aktiven-Gruppe herbei gesehnt. Sie folgt lieber Leuten mit Ideen als anzuführen und Impulse zu setzen. Zur Einwohner-Versammlung in drei Wochen werden Veronica und die zu erwartenden Gäste aber zur Mitarbeit und -gestaltung aufgefordert werden. Zu verschiedenen Themen sind Ideen zur Umgestaltung der Wohngegend gefragt. Als Ergebnis sollte ein selbst entwickelter Entwurf der Bürger*innen stehen, der aufzeigt, wie die Menschen hier leben wollen.

Der Anwohner-Initiative Thälmannpark kann man nur raten, sich die Möglichkeit zu schaffen, autonom agieren zu können, auf Augenhöhe den Protagonisten der aus Wirtschaft und Politik geleiteten Stadtentwicklung gegenüber zu treten und eigene Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten zu artikulieren, weiter zu entwickeln und sie als gestalterisches Element vertreten zu wollen. Ihr sollte die Bereitschaft innewohnen, auch über ihre eigenen Grenzen hinweg gehen zu müssen. Die Chance, als ernst zu nehmender „Player“ auf urbane Entwicklungen der Stadt Einfluss zu nehmen, ist da, bedarf aber Aktionswillen, Geduld, Konsequenz und Fachkenntnis vieler Bürgerinnen und Bürger.