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Grönemeyer: „Jedes Gestammel von Überfremdung ist kalte verbale Brandstiftung“

+++ Herbert Grönemeyer ’s Rede im Wortlaut +++

„Jedes Gestammel von Überfremdung ist kalte verbale Brandstiftung“

Ich finde es erschreckend und traurig, was sich auf den Straßen und in den Köpfen abspielt. Es ist eine klamme, hysterische Atmosphäre. Dass Menschen sich in Deutschland übergangen und politisch nicht wahrgenommen fühlen kann ich gut nachvollziehen. Dass sie sich als nur noch als ausgeschlossen, verwaltet und abgestellt fühlen auch. Dass sie sich Gehör verschaffen in ihren berechtigten Ängsten und Forderungen ernstgenommen werden wollen ist demokratisch. Für eine öffentliche Debatte in der Gesellschaft fruchtbar und hilfreich. Dass eine Auseinandersetzung dadurch angeregt wird und eine stark von der Bevölkerung abgehobene Politik oder Politikerstil ebenso.

Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe für vielschichtigste, teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbock, Projektion und Zielscheibe ausgemacht wird ist das eine Katastrophe. Es ist absurd, gemein, zutiefst undemokratisch, Unrecht und das geht gar nicht.

Es kann nicht gewollt sein, damit dem dumpfen Stammtischgeist und -zorn mitverantwortlich Tür und Tor zu öffnen. Wir müssen feinnervig aufpassen, auf der reaktionären Seite verbietet sich jedes Zündeln. Dort waren wir schon mal, und dort wollen wir nicht mehr hin. Wir müssen uns als Gemeinschaft gegenseitig vor uns selber warnen, Schranken einbauen und uns schützen und als sehr junges Land gehört das zum Erwachsenwerden und zur demokratischen Pflicht dazu. Es geht um die Politik, das Zusammenleben, nicht um Religion. Religion ist Intimsphäre und Privatsache – was uns alle verbindet ist vor jedem politischen wie religiösen Extremismus. Vor 70 Jahren haben die Alliierten Deutschland aufgeteilt – auch um den rechten Geist von Abermillionen Deutschen zu brechen und nicht wieder aufkommen zu lassen. Wenn jetzt 25 Jahre nach der Wiedervereinigung diese schnell verrohende Stimmung aufflammt, wäre und ist das erschreckend falsch und furchtbar.

Ich weiß, dass Pegida in ihrem Grundsatzpapier sich von jeder extremistischen Idee distanziert – das habe ich gelesen. Aber wir müssen alle zusammen Anstrengungen unternehmen, dass Menschen mit ihren gutgemeinten Anliegen hintenrum nicht für zynische politische Absichten missbraucht werden und sich missbrauchen lassen. Deshalb sind wir hier.

Vier Millionen Menschen islamischen Glaubens haben in Deutschland in den letzten 50 Jahren genauso zum Wirtschaftswunder beigetragen wie Protestanten, Juden, Katholiken, Buddhisten, Hindus und viele andere Religionen mehr. Und sie haben den Solidaritätszuschlag bezahlt als ihren Einsatz und Beweis ihrer Zuneigung für das wiedervereinigte Land. Es ist die Vielfalt, die Deutschland ausmacht, und die es eint, und wir brauchen sie, Sie ist unsere Zukunftsgarantie – bestes Beispiel ist unsere Fußballnationalmannschaft. Wir sind uns alle einig, dass wir ein Einwanderungsland sind und dass Flüchtlingen, Menschen deren Leben bedroht sind von Verfolgung, Folter, Krieg und Tod, hier bei uns Schutz geboten wird, sich um sie gekümmert wird, dass sie gegen jede Art von tumber hohler Anfeindung
Jedes Gestammel von Überfremdung ist kalte verbale Brandstiftung und ignorante Verblendung. Die Welt ist geöffnet – jeder hat Zugang; nicht nur wir. Wem die Nächstenliebe fremd ist, der sollte auch kein Verständnis für sich selber einfordern. Vielleicht könnte man den Namen Pegida in „Demokratischer Aufbruch am Montag gegen rechts“ umbenennen. Das wäre präziser und unmissverständlicher. Man würde besser gehört, ernster genommen und grenzt sich eindeutig gegen jedweden Geist von rechtsaußen ab und man gibt Dresden seinen Stolz und Würde wieder. Es soll demonstriert, viel gemeinsam geredet, endlich zugehört und gefordert werden. Aber dabei müssen wir auf allen Seiten auf leichtfertige, fahrlässige Stimmungs-Brandstiftung aufpassen. Dass endlich ein Dialog stattfindet ist sehr gut. Diese ist unser aller Land. Wir sind für dieses Land verantwortlich und wollen gemeinsam – welcher Meinung, Wahrheit und Religion auch immer – dafür einstehen, dass es für jeden lebens- und liebenswert ist, egal welcher Herkunft und dass jeder die gleichen Grundrechte genießt.

Alle für jeden – das ist Deutschland – und das bleibt so

Herbert Grönemeyer 26 Januar 2015 Dresden

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